17 December 1823

Ignaz Moscheles’ Fourth Concert

Vienna: Kaiserliches und Königliches Hoftheater zu Wien

Time: Evening, Seven o’Clock

Programme

Overture in C major, Zur Namensfeier Beethoven 
Piano Concerto No.2 in E flat majorMr. MoschelesMoscheles 
AriaMme GrünbaumRossini 
Grand Piano Variations on a Military March with
Orch. Accomp. (Alexander Variations)
Mr. MoschelesMoscheles 
From Mosè in Egitto: DuetMlle Sontag, Mr. HaitzingerRossini 
Violin Variations on a Danish SongMr. MaysederMayseder 
Free Piano Fantasia, incl. themes by Handel
and ‘Gott erhalte Franz den Kaiser’
Mr. Moscheles  
Ballet, Die Amazonen Gallenberg 

  

Principal Vocalists: Mlle Sontag, Mme Grünbaum; Mr. Haitzinger      
Principal Instrumentalists: Mr. Moscheles

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Moscheles: Before I left the room [on 15 December 1823] I was obliged to yield to the urgent request of several of my hearers, in promising to repeat the whole concert the day after tomorrow. [RMM, 60.]

Eduard Hanslick: Er that dies in den Jahren 1823 und 1824 nach der damals beliebten Gepflogenheit, im Kärntnerthor-Theater in den Zwischenacten oder vor dem Ballet. Ein Concert eigener Composition, der „Alexandermarsch“ und zum Schluß eine freie Phantasie, bildeten die Hauptbestandtheile dieser Concerte.

[Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesen in Wien (Wien: Wilhelm Braumüller, 1869), 218.]

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Playbill

Montag den 17. D

K. K. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthor

Zum Vortheile des Herrn J. Moscheles.:

Eine große musikalische Akademie,

worin derselbe zum letzten Mahle sich auf dem Pianoforte hören zu lassen die Ehre haben wird.

Vorkommende Stücke:

1. Ouverture in C, von L. van Beethoven. (Manuscript.)

2. Concert (in Es dur), für das Pianoforte, komponirt und vorgetragen von Herrn J. Moscheles.

3. Arie von Rossini, mit Chor, gesungen von Mad. Grünbaum.

4. (Auf Verlangen) Die Variationen über den Alexander-Marsch, componirt und vorgetragen von Herrn. J. Moscheles.

5. Duett aus Moses, gesungen von Dlle. Sontag und Hernn Haitzinger.

6. Variationen für die Violine, über ein dänisches Lied, componirt und vorgetragen von Herrn J. Mayseder, k. k. Kammer-Virtuosen.

6. [sic] Freye Phantasie auf einem englischen Pianoforte von Broadwood, vorgetragen von Herrn H. Moscheles.

Hierauf:

Die Amazonen.

Heroisches Ballet in drey Acten, von der Erfindung des Herrn L. Henry.

Musik von verschieden Meistern.

Personen.

Oriethnia, Königinn der AmazonenDlle. Perceval. o Theseus, Hr. Rozier.
Anttope, ihre NichteMad. Rozier. o Aristheus,AthenienserHr. Bretel.
Amyntha, ihre FreundinnMad. Gioja. o. Eurikles, Hr. Desterfani.
    Amazonen. Athenienser  

Tanzstückes: Pas de deux, getanzt von Dlles. Milliere und Perceval.— Pas de sept, getanzt von Hrn. Rozier, Mad. Rozier, Dlles. Heberle, Torelli, Mad. Bretel. Dlles. Ramacini und Eßler Th. Musik hiezu von Carafa.—Pas de deux, getanzt von Dlle. Heterle und Dlle. Torelli.—Pas de onze, getanzt von den Herren RozierBretel, Dlle. Milliere, Mad. Rozier, Mad. Bretel, Dlles. Ramacini, Perceval, Torelli, Etzler Therese und Etzler Fanny.

Musik hiezu von Rossini.

Freybillets sind heute ungültig.

Dlles. Unger, Bio und Taglioni sind unpäßlich. Herr Zeltner ist krauß

Der Anfang ist um 7 Uhr.

[Österreichisches TheaterMuseum]

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt (December 13, 1823): 596.

Hr. Moscheles wird nach dem dritten Concert Wien verlassen, um eine neue Kunstreise zu beginnen.

Reviews

Allgemeine musikalische Zeitung (January 15, 1824): 43-44.

Am 15ten, ebendaselbst: Zum Vortheile des Hrn. Moscheles: eine musikalische Akademie, nebst dem Ballet: Die Amazonen. Erstere enthielt: 1. Ouverture von Beethoven (in C, 68Takt); 2. Pianoforte-Concert in Es; 3. Arie von Rossini, gesungen von Mad. Grünbaum; 4. Die Variationen über den Alexander-Marsch; 5. Duett aus Moses, gesungen von Dem. Sonntag und Hrn. Haizinger; 6. Violin-Variationen über ein dänisches Lied, von Mayseder; 7. Freye Phantasie auf einem englischen Pianoforte von Broadwood. Es ist solches dasselbe Exemplar, welches Beethoven vor einigen Jahren aus London zum Geschenk erhielt, und wofür er an Mauthen, Zöllen und Frachtgebühren mehr bezahlen musste, als das Instrument eigentlich werth ist; denn diese Instrumente dürfen sich doch wahrlich mit unsern einheimischen Erzeugmissen gar nicht messen. Da es, wie bekannt, sehr schwer zu traktiren ist, so wirkte Herr Moscheles in der That Wunder darauf, welcher, indem er in seinen frühern Phantasieen Themen von Rossini, Weber, Mozart und Beethoven zu sammenstellte, diessmal Haydn’s Volkslied mit Händel’s grossartigem Chor aus dem Alexanderfeste paarte und durch seine hohe Virtuosität wieder zur allgemeinsten Bewunderung hinriss.

Am 17ten, ebendaselbst: Auf allgemeines Verlangen: Wiederholung obiger Darstellung.

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (January 1, 1825): 2-3.

Am 17. December v. J. wurde dem musikalischen Publikum von der Direktion des k. k. Hofoperntheaters der Genus verschafft, die geschriebenen Tonstücke, welche Moscheles von seiner Composition jüngst in seinem Benefice vortrug, noch ein Mahl zu hören, nämlich das Clavier-Concert in Es-dur, und die Alexander-Variationen, auch trug er zum Schlusse abermahl eine freye Fantasie vor. Wie neulich, zeigte sich Moscheles als ein Clavier-Virtuos, welcher nichts zu wünschen übrig läßt. Je öfter man ihn hört, desto einnehmender erscheint seine Manier, seine ganze Behandlung des Instrumentes und seine ungeheure Bravour überrascht jedes Mahl neuerdings. Er spielte heute mit der besten Disposition, nicht das Mindeste versagte ihm, der Beyfall war einstimmig und lebhaft, er wurde vier Mahl gerufen.

In seiner Fantasie verwebte er ein Rossini’sches in ein Weber’sches Thema auf die interessanteste und anmuthigste Weise. Nur ihm ist es möglich, nach dem brillantesten Concert, den interessantesten und schwierigsten Variationen, noch das Vergnügen des Publikums in einer freyen Fantasie zu steigern. In dem ganzen, übervollen Hause herrschte bis zur leßten Note die größte Stille und Aufmerksamkeit; nach dem Schlusse brach der lebhafteste Beyfall aus.

Hrn. Mayseder’s Nummer blieb mit allgemeinem Bedauern. Wegen seiner plützlichen Unpäßlichkeit, weg. Die Damen Grünbaum und Sonntag zeichneten sich durch ihren herrlichen Besang ungemein aus. Wenn Mad. Grünbaum als große Bravour-Sängerinn durch ihre Sicherheit, Präcision und großartigen Styl bey weniger Grazie dennoch imponirte und zu allgemeiner Anerkennung ihres seltenen Verdienstes nöthigte, so bezauderte Dem. Sonntag durch die liebliche frische Stimme, ihre zarte Nuancirung und anmuthigen Vortrag.

Das Orchester hielt sich heut sehr brav in der Begleitung aller Tonstücke und in der Aufführung der Beethoven’schen genialen Ouverture. December

23 November 1844

Ignaz Moscheles’ First Concert

Vienna: Musikvereins-Saale

Tickets: 3 florins for Sperrsitz, and 1 florin and 20 kreutzer for entrance tickets

↓Programme

Allegro di Bravura for Piano (Op.77)Mr. MoschelesMoscheles
Free Piano Fantasia, incl. themes from Donizetti’s Linda di Chamounix, Beethoven’s Ninth Symphony and the folk tune ‘S gibt nur a Kaiserstadt, gibt nur a Wien! ‘s gibt nur a Wien!’Mr. Moscheles 
From Il templario: AriaMiss Emma Aue; Piano Accomp.: Mr. NicolaiNicolai
Etudes, incl. KindermärchenMr. MoschelesMoscheles
Lieder, ‘Liebesbotschaft’
            ‘Ständchen’
Mr. Marchion;
Piano Accomp.: Mr. Pauer
Schubert
Piano Concerto No.8 in D Major, Pastorale [without orchestra]Mr. MoschelesMoscheles
Piano Sonata in A flat MajorMr. MoschelesBeethoven
Tarantella [Op.101]Mr. MoschelesMoscheles

  

Principal Vocalists: Miss Emma Aule; Mr. Marchion  
Principal Instrumentalists: Messrs. Moscheles, Nicolai, Pauer

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Programme Notes: The Piano brand was Bösendorfer


Moscheles (to a letter to Frau von Lieben): Das Herz pocht mir, liebe Freundin, wenn ich in der nahen Zukunft ein fortgesetztes Wiener Leben sich spiegeln sehe. Mit Gottes Hülfe wollen wir in der Erinnerung an die Blüthenzeit vergangener Jahre schwelgen. Bis dahin, wie immer, Ihr alter Freund I. Moscheles. [AML II, 122.]

Charlotte: Ueberall als Liebling aufgenommen, umringt von alten Freunden und neuen Bekannten, erfolgreich in jeder öffentlichen Unternehmung, ist es eine Erquickung für Geist’ und Körper, sich in der Arena des Clavierspieles siegreich herumzutummeln, anstatt ewig in London zu schulmeistern; er geniesst das sehr, E. und ich vielleicht in rhöhtem Grade für ihn, denn Wenigen wird wohl das Glück zu Theil, so zu reisen, wie wir es thun; das empfinden wir dankbar. [AML II, 122-123.]

Charlotte: Moscheles gieht in Wien drei Concerte, am 23. November, 3. und 17. December, spielt als Novität sein Pastoral-Concert, die Erinnerungen an Irland, mehrere der charakteristischen Etüden, und auch Beethoven’s Es-dur-Concert und As-dur-Sonate, aber auch die alten Alexander Variationen werden wieder verlangt, wie gern er sie auch ignorirt hätte. Zu dem Hommage à Händel wirbt er den jungen Pauer, „der sie vortrefflich spielt“ und ihm grosse Freude durch das Eingehen in seine Intentionen macht. Der Dr. Bacher ist bei allen Einrichtungen seine rechte Hand, bei allen Schwierigkeiten sein Helfer…Man lacht, wenn wir von einem dreivöchentlichen Aufenthalt sprechen und nennt die Idee unmöglich. Ein Moscheles, der seit 18 Jahren nicht in Wien war, könnte wohl wie Liszt den Winter hier zubringen. Es ist nämlich eine Hetzjagd von Concerten–morgen an dem einen Tage giebt’s deren fünf, und der erste ganz freie Tag, sagt man, sei der 26. December; heute haben wir den 16. November. Der Adel hält noch a l’anglaise seine Jagden, und eine hier anwesende Pester musikalische Notabilität räth Moscheies, dessen Rückkunft abzuwarten, indem er einstweilen nach Pest geht und dort spielt. Graf M. D., der den Schlüssel zu den Hofconcerten führt, behauptet, jetzt im Advent gäbe es deren keine, und vor Mai fande schwerlich eins statt. Wie Ihr Moscheles kennt, nimmt er diese Sachen sehr ruhig, freut sich des überaus herzlichen Empfanges, den uns der grosse Kreis seiner Freunde und Anhänger bereitet, und hat, wie er sagt, für diese, schon den 23. d. M. zu seiner Matinée festgesetzt. [AML II, 125-126.]

Emily Moscheles: Es war prächtig, Vater von dem vollen Saal als alten Liebling empfangen zu sehen, immer drei Mal gerufen, das Kindermärchen wieder verlangt, als er es aber zum zweiten Mal anfangen wollte, so heftiger Applaus, dass er seinen armen Rücken erst zu einer Menge Complimenten beugen musste, ehe er es, spielen durfte. Zum Schluss der Improvisation über Beethoven’s A-dur-Symphonie brachte Vater das Liedehen: S’giebt nur a Kaiserstadt etc., das war ein Jubel! Die gewissen murmelnden Bravo’s, die durch den Saal gingen, kamen von’ Herzen und hätten Euch ebenso erfreut, wie Mutter und mich‘. [AML II, 126.]

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Allgemeine Wiener Musik-Zeitung (September 12, 1844): 440.

(Hr. Moscheles) der Pianoveteran, wird in Balde hier in Wien erwartet.

Der Humorist (September 13, 1844): 883.

(Moscheles) kömmt Ende dieses Monats nach Wien, und wird einige Zeit hier verbleiben. Es wäre wünschenswerth, diesen ausgezeichneten Künstler auch öffentlich zu hören.

Allgemeine Wiener Musik-Zeitung (September 14, 1844): 444.

Der berühmte Clavierspieler- und Componist Moscheles besindet sich in Cöln, wird sich jedoch nur kurze Zeit aufhalten und von hier nach Düren unfern Aachen reisen, um dort in einem Konzerte zu wohlthätigem Zwecke zu spielen. Von dort aus will er den Rhein herunter nach Mainz reisen, sich in Stuttgart und Carlsruhe verweilen und sodann nach 16jähriger Abwesenheit wieder die alte Kaiserstadt an der Donau besuchen, in der er so große Triumphe gefeiert. Moscheles reist mit seiner Gattin (einer gebornen Hamburgerin) und seiner Tochter, welche ebenfalls recht artig Pianoforte spielt. Er gab vor seiner Hieherreise in Aachen Konzert.

Allgemeine Theaterzeitung und Originalblatt für Kunst, Literatur, und geselliges Leben (November 16, 1844): 1132.

Nächste Woche wird der berühmte Pianist Moscheles aus Paris…in Wien erwartet.

Sonntagsblätter (November 17, 1844): 1096.

Herr Moscheles

ist Donnerstag, den 14. d. M., hier eingetroffen.

Allgemeine Theaterzeitung und Originalblatt für Kunst, Literatur, und geselliges Leben (September 18, 1844): 928.

Wir werden demnach Gelegenheit haben, ihn wieder zuhören und zu bewundern. Wie bereits gemeldet, kommt auch Moscheles im Laufe dieser Saison nach Wien. Wir wollen hoffen, daß die kleineren Concertzugvögel nun heuer nicht gar so schwarmartig über uns herfallen werden, wenn sie hören, daß solche zwei wahrhaft riesige Concertlions, wie Ernst und Moscheles, uns besuchen.

Der Humorist (September 27, 1844): 883.

Die nächste Concertsaison in Wien

dürfte eine sehr glänzende werden. Außer den bereits angekündigten Künstlern Moscheles, Lißt, Dreischock und Vieuxtemps, werden auch der liebenswürdige Ernst und der todtgeglaubte Prume hier erwartet. Hum

Der Ungar. Zeitschriftliches Organ für magyarische Interessen für Kunst, Literatur, Theater und Mode (September 30, 1844): 902.

(Hr. Moscheles) der Pianoveteran, wird in Balde hier in Wien erwartet.

Allgemeine Wiener Musik-Zeitung (Allgemeine Wiener Musik-Zeitung (November 16, 1844): 552.November 16, 1844): 552.

(Die berühmte Claviervirtuose Moscheles) ist den14. d. Mts. hier angekommen.

Der Humorist (November 16, 1844): 1104.

Professor Moscheles aus London

ist bereits in Wien angekommen.

Allgemeine Wiener Musik-Zeitung (November 19, 1844): 556.

(Moscheles) erstes Konzert findet Samstag den 23. d. M. im Musikvereinssaale Statt.

Allgemeine Wiener Musik-Zeitung (November 23, 1844): 564.

Heute findet im Saale der Gesellschaft der Musikfreunde das erste Konzert des berühmten Claviervirtuosen und Componisten I. Moscheles um die Mittagsstunde statt. Es bedarf wohl keiner weiteren Anempfehlung um das musikalische Publikum für die Produktionen dieses welt berühmten Künstlers zu interessiren.

Der Humorist (November 23, 1844): 8.

Heute Sonnabend Moscheles, der alte Meister, Versammelt gewiß viel Hörer und alle großen Geister.

Reviews

Allgemeine Theaterzeitung und Originalblatt für Kunst, Literatur, und geselliges Leben (November 25, 1844): 1158-1159.

Concert des Hrn. J. Moscheles.

Es war eine Zeit, in welcher der Name Moscheles eben so elektrisirend auf die Massen wirkte, wie jetzt die Namen der jüngeren Virtuosen. Das ist freilich schon etwas lange her, und in vielen Stücken ist es seitdem anders, wenn auch nicht in Allem besser geworden. Wir Aelteren lebten jene Zeit noch mit; sie war der Uibergangspunct der älteren zur jetzigen neuen Virtuosenschule, und eben Moscheles war der Erste, welcher durch die Einführung neuer, auf brillante äußere Effecte berechneter Formen den Impuls gab zu einer ganz anders gestalteten Richtung des Virtuosenthums, der Erste, der mit aller Bedeutsamkeit seines reichen musikalischen Talentes als Reformator des Clavierspieles auftrat und darin jene neuen Sazzungen begründete, die noch fortwährend Geltung haben. Die Jüngeren alle folgten der angegebenen Richtung mit mehr oder minder Verständniß, sie bildeten aus, was er begonnen, und nun finden wir durch die größeren Talente Einzelner, eines Liszt, Thalberg u. A.; das Clavierspiel in seinem mechanischen, vornämlich die Bravour im Auge habenden Theile, zu einer solchen Höhe der Vollkommenheit gebracht, daß man freilich damit nicht mehr vergleichen kann, wie vor zwanzig Jahren gespielt wurde.

Allein wenn auch vor zwanzig Jahren nicht mit solchen Schwierigkeiten gespielt wurde, wie heut zu Tage, so wurde doch schön gespielt, und was damals für schön galt, muß es auch jetzt sein. Die Technik ist viel, sie ist aber nicht Alles, und sie ist wenig oder nichts, wenn der Form das fehlt, was sie durchdringen, was sie beleben soll, Geist und Fantasie.

Moscheles ist ein Name von altem, gutem Klange. Nicht als Virtuosen allein müssen wir ihn schätzen, sondern auch als talentbegabten, gründlichen Tonsetzer, der in zahlreichen Werken sein reiches musikalisches Wissen niederlegte. Immer noch, wie sehr die Mode noch wechselte, stehen seine Compositionen auf dem Repertoire der Pianisten, und wenn auch öffentlich seltener gespielt, als sonst, bleibt ihr Studium doch allen sich ausbildenden Virtuosen unentbehrlich.

Es sind wol zwanzig Jahre und darüber, daß Moscheles zum letzten Male in Wien Concerte gab. Einen so bewährten, europäisch berühmt gewordenen, alten Meister nach so langer Zeit wieder zu hören, mußte allen Kunstfreunden vom hohen Interesse sein. Vorgestern, den 23. November, um die Mittagsstunde, gab er sein erstes Concert im Saale des Musikvereins. Ein sehr zahlreiches und gewähltes Publikum, Alles, was Ruf und Namen in der Wiener musikalischen Welt hat, hatte sich dazu eingefunden. Man empfing den berühmten Künstler mit großer Theilnahme und behandelte ihn bei allen seinen Vorträgen mit der Auszeichnung, auf die ihm sein großer Ruf Anspruch gab.

Daß sein Spiel jenen hohen Grad von Begeisterung nicht hervorrief, wie er jüngeren Repräsentanten der eben von ihm begründeten modernen Schule zu Theil wird, kann weder seinem Rufe als Künstler was benehmen, noch soll uns das für die wirklichen Vorzüge und schönen Eigenschaften seines Spieles blind und unempfänglich machen. Wohl jedem Virtuosen, der nach Jahren auf eine so ehrenvoll durchschrittene Künstlerlaufbahn zurückblikken und von sich rühmen kann, so viel Treffliches geschaffen und durch sein Talent einen neuen Umschwung im Virtuosenthume hervorgerufen zu haben!

Unter den zahlreichen Stücken, aus welchen Moscheles das Programm seines Concertes zusammenstellte, war Beethovens Sonate in As-dur dasjenige, für das die Kunstfreunde sich am meisten interessiren mußten. Wenn gleich nicht völlig einverstanden mit der diesem herrlichen Musikstücke gegebenen Darstellungsweise, die manchmal etwas zu viel gekünstelt erschien, so muß man doch der in vielen Theilen geistvollen Auffassung das ihr gebührende Recht widerfahren lassen, und namentlich gilt dies von dem ersten Satze, der mit sehr richtiger und verständiger Bezeichnung vorgetragen wurde und vor einem so gebildeten und feinfühlenden Zuhörerfreise auch bei weitem den meisten Anklang fand. Der Ausführung des schönen Trauermarsches hätte ich mehr Tiefe der Empfindung gewünscht. Im Ganzen jedoch war die Sonate eine interessante, eines so renommirten Kunstlernamens nicht unwürdige Leistung, was auch das Publikum durch Beifall und Hervorruf anzuerkennen nicht unterließ.

Unter den eigenen Compositionen, die Moscheles spielte, einem sogenannten Pastoral-Concerte (für Pianoforte allein, ohne Orchester), einem Allegro di bravura in Cis-moll, einem „Kindermärchen,” einer „Tarantella“ und einer freien Fantasie, war das „Kindermärchen“ dasjenige, was am meisten Sensation erweckte und auch mit freudiger Begeisterung zur Wiederholung verlangt wurde. Es ist dies eine allerliebste Composition, zart und graziös, naiv und sinnig, wie der glücklich gewählte Titel es ausspricht. Effectvoll und interessant sind auch das Allegro und die Tarantella. Im graziösen Spiele zeigt Moscheles eine überwiegende Meisterschaft. Er wirft darin bedeutender, als in eigentlichen großen Bravourstellen. In dem Pastoral-Concerte erschienen mir die Composition sowol, wie sein Spiel abgerissen und nicht ganz klar; möglich auch, daß diese Nummer, als die erste des Concerts, uns nicht erlaubte, einen Virtuosen, den Viele jetzt zum ersten Male hörten, und von dem sie, wer weis was, vAußerordentliches erwarteten, gleich in seiner vollen künstlerischen Eigenthümlichkeit zu erfassen.

Mit dem freien Fantasiren hat es, wie bekannt, seine große Schwierigkeiten. Nicht immer kann der Künstler, wenn auch noch so geübt und fertig in seinem Fache, über einen Moment der Begeisterung gebieten, und die Fälle sind selten, woselbst solch eine musikalische Improvisation den Kenner wie den Laien zu befriedigen weis. Moscheles brachte in seiner freien Fantasie zuerst ein Thema aus der „Linda,“ fügte ein zweites aus Beethovens A-moll Symphonie bei, und schloß, sehr artig für das hiesige Publikum, mit unserem bekannten Volksliede: Es ist nur ein Kaiserstadt, es ist nur ein Wien.” Diese Motive verwebte er sehr gewandt in einander, doch wollten sie selber nicht recht zusammenpassen, und so blieb der Eindruck dieser Improvisation hinter denen der übrigen Leistungen et was zurück. Fassen wir aber das Gesammtresultat dieser Academie auf, so müssen wir sagen, daß es ehrenvoll war für den Concertgeber, dessen fernerem Auftreten das Publikum mit Interesse entgegen sehen darf.

Moscheles spielte auf einem Clavier von Bösendorfer. Der Nuf dieser aus gezeichneten Instrumente ist längst anerkannt, unter den Händen eines so berühmten Meisters aber wissen sie ihre Vorzüge noch weit glänzender geltend zu machen.

Dem. Emma Aue, vom Hofoperntheater, sang mit schöner Stimme und gefälligem Vortrage eine Arie aus dem „Templario,“ wozu der Componist selbst, Nicolai, sie am Clavier begleitete. Mit den zwei herrlichen Schubertschen Liedern „Liebesbotschaft“ und „Ständchen,“ hat Hr. Marchion das Publikum im hohen Grade erfreut. Der schöne und gefühlvolle Vortrag beider Compositionen gereicht dem Talente des jungen Sängers sehr zur Ehre, Ausgezeichnet spielte Hr. Pauer die Clavierbegleitung. Heinrich Adami.

Der Humorist (November 25, 1844): 1134-1135.

Moscheles.

Der Name prangt unter jenen, welche die Geschichte des Klavierspieles als die ersten aufgezeichnet hat, welche durch die Kunst des immerfort sich umgestaltenden und Reues anbildenden Vertrages und perennirende der Komposition für dieses Instrument sich ruhmwürdig machten. Moscheles steht als Spieler in seiner Zeit auf der Höhe instrumentaler Kunstfertigkeit, als Komponist aber reicht er über dieselbe hinaus. Viele Namen ringen um den Kranz, der so bald welkt, um den Enthusiasmus, der so bald verhallt. In der Virtuosität heißt es: „ote toi que je m’y mauve,“ die Celebritäten häufen sich, die Neueren drängen die Aeltenen von der Stelle. Das ist ein ewiges Fluthen, wo jede neue Welle etwas Neues führt, und es dem anspült, was von den vorhergeströmten schon angespült wurde. Die ältere verliert sich in den Sand der Abnützung, und die Neue plätschert, um wieder von einer spätern verdrängt zu werden. Welche berühmte Pianisten zählt die ältere Zeit auf; sie mögen heute kommen mit den Bravourmirakeln, welche ihre Epoche angestaunt harte, und ein Schüler des Hrn. Halm würde sie niederklavieren. Es mögen ungefähr zwanzig Jahre sein, da waren die Variationen über den Alexandremarsch das Ziel, wonach alle Klavierspieler strebten, wer sie nicht kannte, durfte vom Fortepiano gar nicht sprechen. Zehn oder zwölf Jahre später wurde Alexander von Moses verdrängt, die „Moses-Fantasie“ war die Königin des Tages; jetzt spielt jedes Knäblein dieses non plus ultra der Bravour, und ein „Robert‘ erobert die Welt. Moscheles hat zur Zeit jenes Alexander-Zuges, von dem wir gesprochen, für einen Pianisten gegolten, der seine zehn Finger in einen Hexenkessel getaucht hat; Thalberg wurden schon zwanzig Finger angedichtet; Lißt hat „eine Armee in seiner Faust,“ Dreischock hat zwei rechte Hände, und es wird vielleicht Einer kommen, der am Piano die Fabel vom tausendarmigen Briareus erneuert. Die Form wächst immer fort an, und man wird immer kühner, steigt höher in ihrem Baue, bis der Geist der Kunst, welcher ewig derselbe bleibt, Alle die, welche mit dem Thurme der Virtuosität gar zu hoch streben, verwirren und ihre unmaßlichen Uebergrisse ahnden wird.

Moscheles ist unter den Repräsentanten der unserer jetzigen vorhergegangenen Aera des Klavierspiels derjenige, an welchen sich die Thalberg, Lißt, Döhler, die gewaltigen Erweiterer des Tastenreiches, am meisten gelehnt haben. Er ahnte, was kommen wird, aber er hing an der Zeit, aus welcher er groß hervorgegangen, zu fest, um die kühnen Flüge der Neuern in der Form mitmachen zu können, und so kam es, daß er überflügelt wurde. Sein Ruhm ist fest- und großgegründet; und es war ein wahreres Streben, ein soliderer Weg der Kunst, auf welchem er zu diesem Ziele gelangt ist; sollte er aber sich jetzt erst Namensglorie verschaffen, würde er gleich den Uebrigen auch eine andere Bahn einschlagen müssen, als die frühere war. Moscheles Geist ist wach und rüstig, wenn auch seine Hand nicht die Behendigkeit besitzt, mit welcher wir jetzt so viele auf den Tasten herumstürmen sehen; man ist jetzt an die neuen Manieren schon gewöhnt. Wie in aller Technik, ist man auch in der Instrumentalkunst, besonders aber in der des Klavierspieles rascher, gewaltiger; wie Napoleon aus dem Wörterbuche, haben die jetzigen Virtuosen auch aus der Bravour das Wort: „Unmöglichkeit“ gestrichen. Moscheles Leistungen stehen oft auf jener Höhe, wo die reine Aetherlust der Kunst weht; allein es ist auch eine Kälte da oben, welche die große Menge, die gewohnt ist, in einer aus den verschiedenartigsten und daher nicht den reinsten Stoffen bestehenden Atmosphäre zu athmen, nicht erträglich findet. Wenn Moscheles, der gewiß auch im Vortrage einer der aus gezeichnetsten Meister auf dem Klavierspiele ist, zwar hierin in Manchem nicht übereinstimmt mit dem, was jetzt uns hineinzieht in die Zauber- und nur zu oft auch Irrgärten der Armida: Virtuosität; so steht er doch als Komponist auf einem höheren Standpunkte, als alle sammt und sonders, welche jetzt um die grünen Kränze des Vortrages kämpfen, aber in dieser tieferliegenden Arena jedenfalls als die Jüngeren auch die Siegreicheren bleiben werden.

Die Vorträge des großen Künstlers in dem vorgestern gegebenen Concerte waren: „Pastoral-Concert,“ „Allegro di Bravura,“ „Kindermärchen,“ „Tarantella“ von eigener Komposition, As-dur-Sonate von Beethoven, endlich eine freie Fantasie oder Improvisation. Von allen diesen Stücken machten das „Kindermärchen“ und die Beethoven’sche Sonate den durchgreifendsten Eindruck, da diese beiden Stücke die geistvollsten unter allen waren, so wirft die herrliche Auffassung derselben auch auf das Spiel des Künstlers einen sehr glänzenden Strahl. Der Vortrag des ersten Satzes der Sonate gehört zu dem interessantesten und kunstgeläutersten, was wir jemals auf dem Piano gehört haben, ebenso spielte er das „Kindermärchen“ mit der anmuthigsten Zartheit und treffendsten Markirung der charakteristischen Seiten dieser wunderlieblichen Genrekomposition. In den übrigen Nummern wechselten anregende stellen mit solchen, welchen nicht genug innere Schönheit innewohnt, um den das Tiefere Suchenden einzunehmen, und nicht genug äußerer Effekt, um Jene zu bestechen, welche nicht das Gespielte, sondern nur den Spieler bewundern wollen. Ein Meister ist‘s, das muß sich Jeder bekennen, der Moscheles hört, wenn auch die zündende Flamme, wie sie aus der jugendlichen Kräftigkeit hervorbricht, nicht so hoch auflodert, wie bei Jenen, die in der Blüte ihrer Jahre stehen. Am wenigsten konnten wir uns mit der „freien Fantasie“ befreunden, das Geordnete und mit Sorgfalt Bekleidete gilt uns mehr, als die Spiele des Momentes, welche sich mit ungeschlichtetem Haare unter den Fingern hervortummeln. Die Aufnahme des berühmten Künstlers war eine seines Rufes und seines Verdienstes würdige. Er wurde nach jedem Vortrage mit dem herzlichsten Beifalle mehrere Male gerufen, und mußte sein reizendes „Kindermärchen“ zwei Mal erzählen. Er spielte auf einem Bösendorfer’schen Flügel von eben so vorzüglichen Tonvorzügen als elegantem Baue. Beigaben waren: Eine Arie aus Nicolai’s „Templario,“ welche Dlle. Emma Aue mit Geschmack und Ausdruck vortrug, und die Schubert’schen Lieder: „Liebesbotschaft“ und „Ständchen,“ welche Hr. Marchion mit eben so reicher Entwicklung seiner schönen Stimme als warmem Gefühle sang. Das Concert war sehr besucht.

                                                                                                                                    H—r.

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt für alle Stände (November 25, 1844): 762.

Sonnabend den 23. November Konzert des I. Moscheles im Musikvereinssaale.

Der Name prangt unter jenen, welche die Geschichte des Klavierspieles als die ersten aufgezeichnet hat, welche durch die Kunst des immerfort sich umgestaltenden und Reues anbildenden Vertrages und perennirende der Komposition für dieses Instrument sich ruhmwürdig machten. Moscheles steht als Spieler in seiner Zeit auf der Höhe instrumentaler Kunstfertigkeit, als Komponist aber reicht er über dieselbe hinaus. Viele Namen ringen um den Kranz, der so bald welkt, um den Enthusiasmus, der so bald verhallt. In der Virtuosität heißt es: „ote toi que je m’y mauve,“ die Celebritäten häufen sich, die Neueren drängen die Aeltenen von der Stelle. Das ist ein ewiges Fluthen, wo jede neue Welle etwas Neues führt, und es dem anspült, was von den vorhergeströmten schon angespült wurde. Die ältere verliert sich in den Sand der Abnützung, und die Neue plätschert, um wieder von einer spätern verdrängt zu werden. Welche berühmte Pianisten zählt die ältere Zeit auf; sie mögen heute kommen mit den Bravourmirakeln, welche ihre Epoche angestaunt harte, und ein Schüler des Hrn. Halm würde sie niederklavieren. Es mögen ungefähr zwanzig Jahre sein, da waren die Variationen über den Alexandremarsch das Ziel, wonach alle Klavierspieler strebten, wer sie nicht kannte, durfte vom Fortepiano gar nicht sprechen. Zehn oder zwölf Jahre später wurde Alexander von Moses verdrängt, die „Moses-Fantasie“ war die Königin des Tages; jetzt spielt jedes Knäblein dieses non plus ultra der Bravour, und ein „Robert‘ erobert die Welt. Moscheles hat zur Zeit jenes Alexander-Zuges, von dem wir gesprochen, für einen Pianisten gegolten, der seine zehn Finger in einen Hexenkessel getaucht hat; Thalberg wurden schon zwanzig Finger angedichtet; Lißt hat „eine Armee in seiner Faust,“ Dreischock hat zwei rechte Hände, und es wird vielleicht Einer kommen, der am Piano die Fabel vom tausendarmigen Briareus erneuert. Die Form wächst immer fort an, und man wird immer kühner, steigt höher in ihrem Baue, bis der Geist der Kunst, welcher ewig derselbe bleibt, Alle die, welche mit dem Thurme der Virtuosität gar zu hoch streben, verwirren und ihre unmaßlichen Uebergrisse ahnden wird.

M. Markbretter.

Allgemeine Wiener Musik-Zeitung (November 26, 1844): 566-567.

Das erste Konzert des Hrn. J. Moscheles fand Samstag den 23. d. M. im Musikvereins-Saale Statt.

Achtzehn Jahre sind verstrichen, seit Wien den berühmten Meister zum letzten Male in seinen Mauern sah. Achtzehn Jahre, ein bedeuten der Zeitraum in einer Periode der Gährung, in welche das Entstehen des schnell aufgewucherten Virtuosenthums fällt, welches jedes ernstere Kunststreben zu ersticken droht, indem sich, verlockt von den glänzenden Erfolgen einiger Begabteren, welche die Form über die Idee setzten,  und die Technik auf Kosten des geistigen Verständnisses bevorzugten, eine Unzahl von Halbtalenten und Unberufenen bloß auf die Vervollkommnung des Mechanismus verlegte, und während sie diesen zur alleinigen Hauptsache machte, das poetische Element aus ihren Productionen gänzlich verbannte, mit der allmählich schwindenden künstlerischen Intention auch der Geschmack zuletzt verflachte, und uns nunmehr auf den Punkt stellte, daß uns die stupendste mechanische Leistung kaum mehr imponirt, während wir uns doch wieder mit der strafwürdigsten Gleichgiltigkeit über den Mangel einer geistigen Empfängniß bei unseren modernen Künstlern hinaussetzen. Achtzehn Jahre sind verronnen, und Moscheles steht wieder unter uns, nicht mehr der aufstrebende Jüngling, der mit Meyerbeer im jugendlich kühnen Muthe hier so manche Lanze brach, auch nicht der junge, thatendürstende Mann, der in Wien aus heißem Wettkampfe mit Kalkbrenner so oft als Sieger hervorging, der ernste Mann, der den Zenith seines Ruhmes bereits erreicht, mit Siegen gekrönt einmal wieder heimkehrt in die Vaterstadt seiner Kunstbildung, wo er unter Albrechtsberger’s und Salieri’s Anleitung einst die jungen Schwingen zum gewaltigen Fluge erprobt. Er ist wieder unter uns, und das ganze clavierspielende Wien ist auf den Beinen, alle Musiker harren mit gespannter Erwartung dem Augenblick entgegen, in welchem Moscheles, der berühmte Künstler, der Chorführer aller Pianisten, der durch seine Künstlerfahrten den Impuls gegeben zur Erfindung der modernen Virtuosen- Kreuzzüge, wieder vor das Wienerpublikum treten würde. Die Älteren denken noch der schönen Stunden künstlerischen Genusses, die ihnen sein Spiel verschafft, während die Jüngeren sich sehnen nach dem Momente, der ihnen den Künstler und seine Kunstleistungen in der Nähe zeigen wird, deren großer Ruf ihnen aus weiter Entfernung so oft zugekommen. Die Intelligenteren aus Beiden aber sehen in ihm den Vertreter der besseren Kunstrichtung; von ihm erwarten sie, daß er in der ganzen Kraft seiner Künstlerschaft, mit dem Ansehen, da ihm sein berühmter Name gibt, gegen die Nichtigkeit modernen Virtuosen-Charlatanismus auftreten und mit der edlen Einfachheit, mit der ernsten Würde einen gewichtigen Gegensatz bilden werde, diesem gegenüber. Das Konzertprogramm ließ dieses auch vermuthen, denn obgleich uns einige der Piecen seiner eigenen Composition noch unbekannt, so stand doch allein schon durch die Ankündigung der vorzutragenden Beethoven’schen As-dur-Sonate ein solches zu erwarten. Ob nun Moscheles diesen Erwartungen ganz entsprochen, ob er gerade durch seinen Vortrag dieses Beethoven’schen Meisterwerkes den verständigeren Theil des Publikums, (denn um diesen handelt es sich wohl bei einem so großen Künstler wie Moscheles, dem ja überhaupt um den Applaus Ihner nicht zu thun sein kann, welche vor Kurzem noch den Seiltänzer Kunststückchen auf den Tasten, und den türkischen Fanfaren zugejubelt und Kränze geworfen) vollkommen Genüge geleistet, diese Frage glaube ich wohl nicht unbedingt mit Ja beantworten zu dürfen, obgleich Jeder eingestehen muß, er habe auch in diesem den geistreichen Künstler, den ausgezeichneten Clavierspieler nicht verkennen lassen; allein bei einem so berühmten Meister reicht der gewöhnliche Maßstab nicht aus, und so man Außerordentliches erwartet, kann selbst das Bessere nicht so ganz genügen. Hatte mich auch die Zartheit seines Vortrages, die Eleganz seines Spieles, das einem bis ins kleinste Detail fein ausgearbeiteten Kunststücke glich, zur Bewunderung hingerissen, so kann ich mi doch nimmer mit seiner charakteristischen Auffassung einverstanden erklären. Ich habe mir Beethoven’s As-Sonate anders gedacht. – In seinen eigenen Compositionen bewährte sich wieder der Meister, der sei Instrument mit allen ihm innewohnenden Effecten kennt, der aber auch seinen Tongebilden jenen poetischen Lebensodem einzuhauchen versteht, der sie erhebt über das Gewöhnliche, und sie zu wahren Kunstgebilden macht. Wie zart und finnig ist das Adagio in seinem Pastoral-Konzerte, wo die einfache schöne Melodie von einer Sextolen-Figur im Baffe begleitet wird, die das ferne Glockengeläute versinnlicht, des „Kinder märchens“ nicht zu gedenken, das in der Idee und Ausführung gleich ausgezeichnet ist, ein Tonstück, das den besten angereiht werden muß, die noch je in diesem Genre geschrieben wurden. Welche Zartheit des Gedankens in einer so reizenden Form, dieß sind Weisen, die zu uns herüber klingen aus der längst entschwundnen Kinderzeit, wir glauben sie schon gehört zu haben, sie berühren die zartesten Saiten unseres Herzens. Auch die freie Fantasie, war als solche sehr gelungen, die Einwebung des Thema’s aus Lindane (,,Es ist nur ein’ Kaiserstadt, ist nur ein Wien“) ist eine Artigkeit des Compositeurs, die anerkennende Würdigung verdient hätte, um so mehr, als sie auf eine so zarte Weise dar gebracht, feinen Takt verräth. Weniger gefiel mir die ,,Tarantelle“, das Allegro di bravura ist ein gutes Virtuosen-Productionsstück, das ich jedoch lieber von einer ernsteren Piece substituirt gesehen hätte, mit ich überhaupt der Meinung bin, daß Moscheles sich besser als Repräsentant des klassischen Clavierspiel’s ganz gezeigt, was wir auch von ihm erwartet, als daß er uns die Resultate der Bravour vorgeführt, welche so geistreich sie auch erfunden sein mögen, doch immer ephemere Kinder des wechselnden Geschmackes bleiben.

Aus dem bereits Gesagten ergäbe sich wohl schon ein Resultat über die Kunstleistung Moscheles in diesem Konzerte, allein ich will mit dieses bis nach seinem letzten Konzerte aufheben; so viel sei nur noch gesagt, das dieses erste Konzert, so wie es eines der interessantesten der heurigen Saison bleiben wird, für den Kunstfreund von großer Bedeutung war, und in jedem Unbefangenen den Wunsch rege macht, der ausgezeichneten Künstler noch öfter hören und bewundern zu können. Der Beifall war ein allgemeiner, wenn auch von einem für alles Große so leicht erregbaren und empfänglichen Publikum wie das Wiener, nüchterner, als zu erwarten stand.

Außer dem Konzertgeber producirte sich noch Dlle. Aue in einer Nicolai’schen Composition, (aus „Templario“) welche der Sängerin viele Gelegenheit gab, ihren Vortrag und ihre Stimme vortheihaft zu zeigen, die sie auch in so weit benützte, als eine übrigens verzeihliche Befangenheit es zuließ. Hr. v. Marchion sang zwei Lieder von Schubert mit rühmenswerthem Kunstverständnisse und einer Innigkeit und Wärme, die ihm allgemeinen und rauschenden Beifall des Publikums er warb. Marchion ist einer unserer besten Liedersänger, er vereint die beiden Erfordernisse eines solchen, nämlich schöne Stimme und kunstgebildeten, Gefühlswärmen Vortrag.—Der Besuch war sehr zahlreich. A. S.

Der Wanderer im Gebiete der Kunst und Wissenschaft, Industrie und Gewerbe, Theater und Geselligkeit (November 26, 1844): 1135-1136.

Von F. Wiest.

V.

(Moscheles—Sonnabend am 23. November im Saale der

Gesellschaft der Mufikfreunde.)

An Herrn Dr. A. Jeitteles in Brünn.

Mein sehr geehrter Heer Doctor!

Ein stiegendes Concert-Blatt auf Ferdinand-Nordbahn-Dampf!

Wir schwelgen jeßt beinahe im wahrsten Sinne des Wortes im gelobten Lande der Concert-Genüsse. Moscheles, Wolf, Stern, später Rabbi Hirsch Dänemark, der große Gedächtaißconcert-geber, Herz was verlangst du mehr? Ich greise Ihnen vor allen Moscheles heraus, der Sie, den begeisterten Verehrer für alles wahrhaft Schöne in der Kunst, den gediegenen Kunstkritiker, wohl am meisten interessiren dürfte. Moscheles also hat ehevorgestern nach sechsundzwanzigjähriger Abwesenheit von Wien, wieder zum ersten Male in unserer lieben Stadt gespielt—und der Stephansthurm steht noch unverrückt an seiner alten Stelle. Die Wiener sind durch Moscheles einst verrückt worden, der Stephansthurm nicht und nicht einmahl die Perrücken unserer großen Musikgelehrten sind verrückt geworden im Gemetzel contrastirender Kunstansichten. Da meinen Einige, Moscheles habe sich überlebt, und seine Saison bei längst eine gewiesene! Diese Meinung mag wohl einige Wahrheit, den Concertspieler Moscheles betreffend, enthalten, aber der Künstler Moscheles, der Compositeur Moscheles, der geistreiche Erfinder der brillanten Clavier-Compositionen, der unerschöpfliche Repertoir-Bereicherer des modernen Clavierspiels, dieser Moscheles hängt nicht von der Laune einer Saison ab, er wird ewig jung bleiben wie die Grazie, die er zuerst als elegante Salondame des Clavierspiels in die Welt führte. Daß Moscheles in seinem ersten Wiener Concerte kein gewaltiges Auffehen erregen würde, das war vorauszusehen. Der volle Saal war ein Success de curiosité. „Den mußich doch einmal hören—der muß ja schon graue Haare haben,“ meinte Dieser und „von dem hab’ ich schon zur Congreß-Zeit Sonaten gespielt,“ meinte ein Anderer, und der Saal wurde voll. Wir haben zu viel Lißt-Teufeleien und zu viel türkiche Clavier- Janitscharenmusik im Leibe, als daß Moscheles bei uns noch das Halloh der Massen für sich haben konnte. Um in Wien noch als Clavierspieler im Concertsaale die Massen zu erobern, da muß man mit türkischen Cavallerie-Märschen angeritten kommen, da muß man die Hände gewaltsam herumwerfen, am Clavier wie am Webestuhl sitzen, da muß man all’ die Teufelskünste des sogenannten modernen Bravour-Rasens im bengalischen Feuer der Fingerfertigkeit leuchten lassen. Strenge genommen hat auch Moscheles die Technik der modernen Anforderungen gegenüber, beinahe vernachlässigt, seine linke Hand dürfte es kaum mit dem kleinen Finger unsers Leschitißky oder eines anderen clavierspielenden Wunderlindes aufnehmen, und wahr mag es seyn, daß vielleicht manche seiner Compositionen in Bezug auf die rapiden Bravourstellen von vielen unseren jungen Concertpianisten mit überraschenderer Leichtigkeit gespielt werden dürften, wie von dem Meiner selber. Aber die wunderbare Kraft und Innigkeit des Anschlags, diese Orgeltonfülle und Schmetterling-Zartheit der Tongebung, diese werden ihm auch die modernen Clavierstürmer nicht sobald nachmachen können. Moscheles Clavierspiel ist rein-individuell, es ist eine interessante, begabte Compositeur-Natur, die sich da selbst aus sich selber heraus spielt und hier wird alles im Vortrage zur geistigen, charakteristischen Eigenthümlichkeit. Der Compositeur und das vortragende Individuum am Clavier sind hier Eins, weder der Styl der Composition noch die Ausführungsweife will großartige Außenwirkungen bezwecken. Die Compostitions gedanken, die Moscheles heute einherflattern ließ, sind kleine, freundliche Amoretten-Physiognomieen, mit träumerisch seelevollen Augen, und sein Vortrag, das war die zarte, geistvoll ausgeführte Miniatur-Porträtirung dieser lieblichen Gedankenformen. Von allen Piecen, die Moscheles heute vortrug (Pastoral-Concert, Allegro di Bravura, Kindermährchen, Tarantella, freie Phantasie) hat mich das „Kindermärchen am meisten geistig angeregt. Aus jedem hier angeschlagenen Accorde lächelt uns wirklich freundlich der heitere, sinnige Traum einer poetischen Jugendzeit entgegen und das kleine, auf den Gefühlswellen sich schaukelnde Thema, hat in der hintändelnden Spielweise Moscheles die bezeichnendste Ausdrucksweise gefunden. Weniger hat mich die „Tarantella“ befriedigt; hier hätte ich in der Composition mehr füdlich-agitirre Leidenschaft der Charakteristik und aus schon im rythmischen Theile der Behandlung mehr stürmenden Drang gewünscht. Für das „Allegro di Bravura, das sich in sehr cimplicirten Modulationen bewegt, reichte die Technik des Hrn. Moscheles wirklich nicht aus hier ließ die linke Hand so manches Schöne fallen und Manches wäre hier in lichtvollerer, klarerer Analyse wünschenswerth gewesen. Im Pastoral-Concert finden wir das ehrenvollste Streben nach Wahrheit und Einfachheit der Gedankencharakteristrung, ein Abweichen von dem Clavier-compositeur-Schlendrian der Alltäglithkeit, das dem durch classische Musikstudien geläutertem Geschmack des Meisters Moscheles das schönste Zeugniß gibt. Am wenigsten hat mich Moscheles im Vortrage der sogenannten Beethoven’schen „Variationen-Sonate“ befriedigt. Ich habe sie von Lißt glänzender, von Mendelsohn-Bartholdy beethoven’scher gehört. Mir kokettirt Moscheles im Vortrage dieses Tonstückes zu sich- und hörbar mit seiner Clavierspieler-Individualität, auch war in Bezug auf die Tempi Vieles mit zu willkürlichem Sichgehenlassen gebracht. Ich erinnere hier an das Scherzo, dessen lebendiger Charakter in dieser schleppenden Weise beinahe verloren ging. Tadellos und reizend schön war hingegen wieder die Synkopen-Variation gebracht. Die freie Phantase am Schlusse, war als freie Phantasie recht anerkennenswerth, ein elegantes Pelemele von schimmernden eleganten Clavier-Phrasen. Am Schlusse der freien Phantasen variirte Moscheles auch recht stanig und artig: „es ist nur a Kaiserstadt, es ist nur a Wien“ hinein, ein Compliment, das uni halb zwei Uhr gewiß stürmische Aufnahme gefunden hätte, aber nach zwei Uhr läßt sch so manche Concerbesucher-Magen nicht gerne mehr mit Complimenten abfüttern. Vielleicht deßwegen auch nur die laue Aufnahme dieser Schlußnummer.—Dieß war der erste Eindruck, den Moscheles auf mich gemacht hat! Wenn es Sie, lieber Dr. Ieitteles, interessirt, werde ich Ihnen von Moscheles noch mehr schreiben, der zwar keine gewaltige Reaction auf unsern Musikgeschmack üben wird, dessen Lorbeern ab er, die ihm, den geistreichen Compositeur und eleganten Clavierspieler, die Welt gereicht, auch nicht zerpflücken werden.

Mit Hochachtung Ihr

                                                                                                                        F. Wiest.

Wien am 23. November.

P.S. Doch halt!—auch ein Concertbrief muß, um gewissenhast zu seyn, sein Postscriptum haben. Moscheles wurde nach jeder Piece zweimal gerufen. Das „Kindermährchen“ wiederholte er mit zuvorkommender Gefälligkeit. Anmuthige Beigaben des Concerts waren eine Barcarole von Nikolai, von Dlle. Aue charmant vorgetragen. Hr. de Marchion, der Lieder-Löwe dieser Concertsaison, sang mit reizendern Gefühlsausdruck „Liebesborschaft“ und „Ständchen“ von Schubert. Er wurde dreimal gerufen. Auf dem Flügel von unserm ausgezeichneten Bösendorfer, den Moscheles spielte, könnte sich wirklich eine ganze Clavierspielerlegion zu den Sternen erheben, so gewaltig und mächtig ausgebreitet gaben sich dessen Tonsittiche. Dieß now, mein lieber Jeitteles, von Moscheles.

Oesterreichisch-Kaiserliche pirivilegirte Wiener Zeitung (November 27, 1844): 2481.

Concert des Pianisten Moscheles.

Welche Periode reich an Verwandlungen und Auswüchsen, an Triumphen und Neuerung im Reiche der Tonkunst, liegt nicht inmitten jener zwanzig Jahre, vor welchen der treffliche Meister, den wir an dem gedachten Tage wieder freudig unter uns begrüßten, zum letzten Mahle unser Ohr und unser Herz erfreute. Wie staunte man nicht damahls, ob der kühnen Bahn, die der Künstler eröffnet, wie weckten die von ihm in das Clavierspiel eingeführten Neuerungen nicht den Widerspruch der Alten und den Jubel der Jungen, und jetzt, nach dem Verlaufe von zwanzig Jahren, als der Meister wiederkehrt und seine Kunst entfaltet, welche die Entzückungen unserer Jugend waren, jetzt findet man, was damahls kühn und feurig galt, kühl und zaghaft, denn die stürmischen Schüler haben den Lehrer überholt, wenn man die Ausbildung einer Achtung in ihre letzten Consequenzen Ueberhohlung nennen darf.

Moscheles zeigt uns wieder einmahl in einem recht deutlichen Bilde, wie rasch und überhastig die Entwickelungen unserer Zeit auf dem friedlichen Felde des Gedankens, der Kunst und des Gewerbfleißes sind; fünf Jahre sind in dieser Hinsicht schon ein Jahrhundert, und ein Lustrum bedeutet jetzt sehr oft ein Menschenalter. Gleich Meteoren ziehen die Berühmtheiten der Gegenwart dahin und der hellere Glanz des einen bedeckt bald den matteren Schimmer des anderen. Was in diesem Gewirre von Aufsehen, Tagesruhm und Vergessenheit wohl noch allein Bestand hat und einen festen Maßstab für den inneren Gehalt, den tieferen Werth der Personen und Leistungen abgeben kann? Wir sagen es offenherzig: Die Schöpferkraft!

Diese Schöpferkraft aberr besitzt Moscheles, wie vielleicht keiner seiner jugendlichen Rivalen, deren Hände noch mir der Stärke der Jugend ausgestattet sind, während die Seinigen alt und matt geworden. Unberührt von der Wucht der Jahre steht seine geistige Individualität noch immer schlagfertig da und überragt den lärmenden Nachwuchs, der sich aus den Stücken seines Mantels den Purpur des Triumphators zurecht gemacht hat, und dem dazu nichts mangelt, als die tiefsinnige Stirne, welcher die köstlichsten musikalischen Gedanken entsprangen Jene haben , und die er ihm nicht nehmen kann. Die Bravour, er die Schönheit gepflegt, jene glänzen durch tummelnde Kraft und keuchende Rapidität, er erquickt durch den reinen Zauber der Kunst.

Von eigener Composition hörten wir dießmahl ein Allegro di Bravoura in Cis Moll, ein Pastoral-Concert, das Kindermährchen, die Taranteln und eine freye Phantasie. Die Kronelbildete das Kindermährchen, welches wiederhohlt werden mußte, und in der That eine zauberische, müthig schalkhafte Tondichtung ist, welche eines unendlichen Genusses fähig und von der allgemeinsten Wirkung ist. Das Pastoral-Concert fand geringere Ansprache, wie denn diese Piece überhaupt dem heutigen Concertgeschmack etwas veraltet vorkommen muß. Aehnliches läßt sich von dem Eindrucks der Phantasie sagen, welche Themata aus Lida, Beethovens Symphonie und dem bekannten Volksliede: „Es ist nur eine Kaiserstädt, es ist nur ein Wien“, auf eine ziemlich wunderliche Weise vermengte, so daß sich kein ganzes, befriedigendes, in sich selber abgerundetes Tonbild gestalten wollte und konnte.

An Nebennummern hörten wir eine Arie aus der Oper „II Templario“ von Nikolai, wobey der Componist, Hr. Nikolai, die Sängerinn Dem. Aue, vom k. k. Hof-Operntheater, auf dem Claviere begleitete; Dem. Aue entledigte sich ihrer Aufgabe auf eine sehr anerkennenswerthe Weise. Nicht minder erfreute sich Hr. Marchion vom k. k. privil. Theater an der Wien, welcher zwey Lieder von Schubert: „Liebesbothschaft“ und das „Ständchen“ sang, einer beyfälligen Aufnahme.

Da wir Hrn. Moscheles, welcher bey seinem ersten Wiederauftreten durchweg mit der seinem Rufe und seinen Verdiensten angemessenes Auszeichnung aufgenommen worden war, hoffentlich noch einige Mahle hören werden, so begnügen wir uns dießmahl mit dem Gesagten und behalten uns ein Näheres für die merk würdige Laufbahn und Kunst-Entwickelung dieses jetzt in Englands Hauptstadt ansässigen seltenen Künstlers für die Zukunft vor.

Oesterreichisches Morgenblatt (November 27, 1844): 571-572.

Concert des Ignaz Moscheles.

Welch ein Name tritt uns da entgegen? Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, und noch nennt ihn der Kunstjünger mit Bewunderung. Er umfaßt die Morgenröthe des Clavierspiels, und wird ewig glänzen in den Annalen der Kunst. Wien war die Wiege seines Virtuosenthums, Wien hat ihn gehört, als er im Zenith seiner Künstlergröße stand (Moscheles war im Jahre 1823 zum letzten Male hier), Wien hört ihn jetzt wieder, wo seine Sendung erfüllt ist, und er mit Selbstbewußtsein ausrufen darf: Ich habe nicht umsonst gelebt und gewirkt. Ist auch seine eigentliche Zeit vorüber, verblüssen seine Kunststücke auch kein Publicum mehr, ist auch die Richtung, die er genommen, eine nicht moderne, ist auch anderseits die Entartung des jetzigen Clavierspiels eine recht große, so ist diese doch nicht so groß, um nicht erkennen zu lassen, welchen Werth ein durchdachtes, durchgeistigtes, in keine Abnormitäten ausartendes, mit einem Worte echt künstlerisches und ästhetisch schönes Spiel habe. Daß, wenn man von Bravour abstrahirt, sein Spiel von obigen Standpuncten aus betrachtet, Moscheles keinen Rivalen zu scheuen habe, sondern vielmehr über sie alle, welchen Namen sie auch tragen, stehe, ist keine leere Behauptung, sondern durch jeden angeschlagenen Ton bewiesen. Was die Behandlung eines Instrumentes betrisst, da können noch alle Virtuosen von Moscheles lernen. Ich wenigstens habe noch keinen gehört, der aus einem Claviere solch einen fingenden, sonoren und kräftig-schönen Ton herauszuziehen im Stande wäre. Ein Clavier von Moscheles gespielt, ist gleich um 100 fl. mehr werth. Es klingt, wie es klingen soll, und der Zuhörer wie der Instrumentenmacher brauchen keine unnütze Angst zu haben, daß der hölzerne Tastenkasten aus allen Fugen gehe. Worin jedoch Moscheles seine ganze Künstlergröße zeigt, das ist in Auslassung und Wiedergebung von fremden Kunstwerken, und kann er auch nicht so objectiv spielen, daß er seine Individualität gänzlich verläugnete, so ist dieß ein Punkt, der sich vielleicht nie und nirgend bei großen Virtuosen ganz wird erreichen lassen. Sein Vortrag der herrlichen Beethoven’schen As-Sonate wird mir ewig im Gedächtniß bleiben, und nur die Embellissements des letzten Satzes hätte ich gerne hinweg gewünscht. Auch in der Composition zeigte sich der Künstler von der ehrendsten Seite. Sein Pastoral-Concert und namentlich das wunderliebliche, reizende „Kindermärchen“ zeigten in Moscheles eine der Stützen der Claviercomposition und wie die Verflachung, die gerade in diesem Genre vorzugsweise herrscht, ich auch ihner griffen habe. Dagegen konnte ich mich auch mit seiner Improvisation, so begierig ich auf dieselbe auch war, nicht recht befreunden. Moscheles ist berühmt im freien Fantasiren, umsonst wird man nun nicht berühmt, ich weiß das recht gut, aber der begeisterte Augenblick, der diese Berühmtheit rechtfertigen soll, will auch nicht immer erscheinen, und dießmal erschien er nicht. Die Themata aus der Linda, aus der Beethoven’schen A Symphonie und das österreichisce „es is nur ein Kaiserstadt,“ blieben sich auch in der Fantasie so heterogen wie zuvor, und die harmonische Verbindung derselben war eine ziemlich lose. Von einem gleichzeitige Erklingen derselben oder überhaupt einer näheren Verknüpfung, wie z. B. in der irländischen Fantasie (welche, wenn Moscheles sie nebst dem Alexander marschhier öffentlich spielen wollte, eines sicheren Successes sicher freuen würde) war keine Rede.—Außer den schon erwähnten Piecen spielte Moscheles noch ein Allegro, die Bravura und eine Tarantella, welche Vorträge sich alle des lebhaftesten Applauses erfreuten. Als Beigabe hörte man Dlle. Ause, welche ihre schöne Stimme mit einer Nicolai’schen Arie vortheilhaft geltend zu machen wußte, und zwei Schubert’sche Lieder von Hrn. Marchion recht lieblich gesungen. Ign. Lewinsky.

Wiener Zuschauer (November 29, 1844): 1518-1519.

Konzert des J. Moscheles.

am 23. d. M. im Saale der Gesellschaft der Musikfreunde.

Seit mehr als zwanzig Jahren war Moscheles, der große Klaviervirtuose, nicht in Wien öffentlich aufgetreten; seit zwanzig Jahren hatte er England zum bleibenden Aufenhalte gewählt und nur zuweilen kleinere Ausflüge nach andern Ländern unternommen, und dieser Moscheles, den die Wiener im J. 1808 als hoffnungsvollen Virtuosen anstaunten und im Jahre 1823 als vollendeten Meister seines Instrumentes bewunderten, derselbe, dessen Kompositionen seinem Namen weit hinschallenden Ruf erworben, dessen freies Phantasieren in allen Musikjournalen unserer Zeit als das non plus ultra der Kunstfertigkeit gepriesen wird—kam nun zu uns. um einige Konzerte zu geben. Ist’s wohl da zu verwundern, wenn Alt und Jung mit gespanntester Erwartung dem ersten Auftreten dieses großen Künstlers entgegenblickt: die Einen, um im füßen Rückerinnern an die weihevollen Stunden, die ihnen Moscheles einst, um reitet, sich neuerdings von seiner Kunst bezaubern zu lassen;— die Andern, um staunend selbst| zu erfahren, wovon ihnen die älteren Kunstfreunde wie von einem Märchen so oft erzählt?

Und Moscheles erschien vor dem erwartungsvollen Auditorium; man klatscht ihm freudig entgegen. er spielt als erste Nummer: ein »Pastoral-Konzerte« von eigener Komposition—man fühlt, daß der Eindruck, den er damit hervorbringt, kein berauschender, entzückender ist; man sinnt, was wohl die Ursache davon seyn möge; ob der Grund in der Komposition. oder im Vortrage, oder in der mindern Empfänglichkeit des Auditoriums liege? Mittlerweile erscheint der fünfzigjährige Meister neuerdings.  Und spielt den ersten Salz aus Beethoven’s, »As-dur-Sonate« so hinreißend schön, entwickelt in dem wundervollen Adagio dieser Sonate und im neckischen Scherzo einen solchen Schatz echter Kustweihe und tiefen Verständnisses dieser großartigen Tonschöpfung, daß die Brust jedes Zuhörers sich erleichtert, das Herz aber erweitert fühlt, und daß jener brausende Orkan des Beifalles losbricht, den nur die vollkommenste Kunstleistung wach zu rufen vermag. Minder gelungen erschien der Vortrag des Trauermarsches und des Allegro jener Sonate; hier trat die sonderbare Eigenheit des Künstlers hervor, den Gang der Melodie zu zerstücken und nicht mit Gleichheit und schönem Ebenmaß der Passagen das Ohr des Kunstkenners zu befriedigen, sondern gleichsam mit den Tönen zu kokettiren, was bei öfterm Wiederkehren, höchst störend auf den Gang einer Komposition einwirkt.

Hierauf hörten wir noch: »Allegro di bravura« — »Kindermärchen« — und »Tarantella« — drei Piecen voll Anmuth und Lieblichkeit, von denen besonders das »Kindermärchen« durch hohe Naivetät und weiches, kindliches Gemüthsleben dermaßen ansprach, daß es der Künstler auf allgemeines Verlangen zu wiederholen gezwungen war. Den Schluß des Konzertes machte eine »freie Phantasie, « und eben das, worauf Jung und Alt so sehr gespannt gewesen, war am wenigsten geeignet, den hohen Erwartungen zu entsprechen. Ein beliebiges Thema variiren, und von einem Gedanken zum andern überspringen, ist noch nicht phantasieren—mit einem Worte, der Endeindruck war durchaus nicht der günstigste für den berühmten Virtuosen.

Übrigens bleibt Moscheles jedenfalls eine interessante Kunsterscheinung, und wenn er seinem großen künstlerischen Rufe gleich nicht ganz entsprochen haben sollte, so liegt der Grund hiervon vielleicht in den zu gespannten Erwartungen, vielleicht aber auch darin, daß seit zwanzig Jahren die Technik des Klavierspieles solch ein Terrain gewonnen hat, daß man das Staunenswertheste nicht mehr anstaunt; — die Ursache aber, warum der Saal bei diesem Konzerte des Meisters nicht so gefüllt gewesen, wie man erwartet hatte, mag einerseits in dem beispiellos schlechten Wetter, andererseits wohl aber auch darin liegen, daß der Preis von 3 fl. C. M. für einen Spersitz und von 1 fl. 20 kr. für eine Eintrittskarte etwas überspannt erscheint.

Als Ausfüllnummern sang Dlle. Aue eine Arie aus Nicolai’s: »Templario« nicht übel, Hr. Marchion aber zwei Lieder von F. Schubert: »Liebesbotschaft,« und »Ständchen,« ganz ausgezeichnet. I. N. Waldschüß.

Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (November 29, 1844): 1907-1909.

Moscheles in Wien.

Moscheles gab ein Concert; es dünkte mich nicht viel anders, als ob etwa Winkelmann Ballet getanzt oder Hegelein Declamatorium veranstaltet hätte! Was soll der kunstgeschichtlich gewordene Tonkünstler in diesen Pfauenradschlagenden, bachantisch polternden, die schwerpunctslose Zeit durch ein glänzendes „Viel und Nichts“ parodirenden Klingeldivertissements „Concerte“ genannt? Concerte, dieser Krebsschaden der Gegenwart, diese Cholera morbus einer talentirten Jugend, dieses Asthma eines in blinder Haft sich verschnaufenden und aufreibenden, nichtigen Musiktreiben?

Moscheles hatte eine Zeit, wo er Concert geben mußte; wo die Gottheit vor ihn hintrat, und zu ihren, Erwählten sprach: „Lehre.“ Und Moscheles ging und lehrte. Aber die Zeit ist eine landere geworden, wie die Lehre. Der Prophet, dessen Weissagungen bereits in Erfüllung gegangen, darf seine früheren Orakelsprüche nicht wiederholen, er muß Neues verkünden, wenn er die Glorie nicht verlieren will, die sein seherkräftiges Haupt umstießt.

Doch Neus«, Außerordentliches, Unglaubliches, so recht Etwas zum Teufel holendes in der Arena der Virtuosität! wo es her nehmen zu einer Zeit, in der die Unmöglichkeiten als lustig gelöste tolle Rebusse aus den Taften emporflattern; der Sinn mit dem Unsinn auf du und du ist, wenn es sich um ein Schwindelerregendes, windsbräutliches Bravourgetöse handelt; ja sogar dem Gott sey bey uns die große Virtuosenseele verschrieben würde, wenn er nur gütigst ein klein wenig dreinmusiciren wollte mit seinem zarten Pferdefuße zwischen den beyden Händen, um nur recht diabolisch alle 7 Oktaven auf ein Mal brausend aufhetzen zu können zum Staunen und Entzücken der ganzen clavierdilettirenden Menschheit?!!

Eines konnte dieses Künstlerherz bewegen, noch ein Mal als Borkämpfer der großen pianistischen Legion aufzutreten, nemlich, um den Vermittler zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu machen, der Friedensfürst zu werden in den Zerwürfnissen des älteren und neueren Styles, der Moderator zu seyn in jener Reform des Clavierspieles, die sein eigenes Riesentalent hervorgerufen, und die, wie so manche Reform, über die durchbrochenen Dämme hinaus, ins Fornienlose, Abenteuerliche, Unhaltbare irrte.

Doch wollte er dieß wirklich, so mußte er auch andere künstlerische Wege dazu einschlagen. Es mußte die Energie der Seele, die Kraft der Überzeug, die Resignation des Tiefdenkers jahrelang in ihm thälig seyn , um vorerst ein System in aller Stille zur Reife zu bringen, womit er sich späterhin einen zweyten großen Triumph, den der vernünstigen „Mäßigung“ bereiten wollte, gleichwie er sich vor mehreren Jahrzehenden den eines vernünftigen „Fortschrittes“ erworben hatte. So vorbereitet wäre er vielleicht der Franklingeworden, der über den Ocean kommend, uns einen Blitzableiter gegen das grassirende musikalische Donnerwetter gebracht hätte, und man hätte ihn, geglaubt, denn Er war ja eben wieder der olympische Gott, der den Blitz einst so gut zu schmieden verstand.

Doch Moscheles wollte dieß nicht. Er zog es vor die Größe seiner künstlerischen Eigenthümlichkeit, wie sie aus seiner Zeit, seiner schöpferischen Riesentalente, seiner geläuterten Kunstanschauung, seinem gediegenen künstlerischen Wissen entsprang, zu verläugnen. Er ließ sich von den Fluten unserer Tage forttragen, anstatt der Pharus zu seyn, derben Schiffenden die Richtung zeigt, und so wurde er fast Einer der Andern, anstatt zu bewirken, daß Andere wie er hätten werden sollen. Und doch blieb er dabey auch wieder verschieden von den Übrigen, da er den besten.und größten Theil seiner Künstlerschaft einer ganz andern Periode verdankt, und zudem der wahre Tonkünstler Alles variren kann, nur das Grundthema seines eigenthümlichen künstlerischen »Ich’s« nicht. So stellt sich mir in dem ganzen Erscheinen dieses großen Künstlers ein Zwiespalt dar, der mir das Räthsel jener Schüchternheit, jener Befangenheit, jener Unschlüssigkeit löst, die das Publicum in dessen Concert an den Tag legte; ein Zwiespalt, der im Programme, im Composionstyle, in der Spielweise liegend, vielleicht nur dem geübteren Auge als solcher klar werden konnte, während der größere Theil der Zuhörerschaft, einer jüngeren Generation angehörend, sich schlechtweg nur des Mangels an einem kräftig bindenden Rapporte mit dem Künstler bewußt wurde.

Gewohnt den illustrirten Namen eines der ersten Ephoren der Wiener Clavierschule, des Schöpfers der neueren Spielmethode, nur mit Verehrung zu nennen, mochten sich wohl auch Viele das höchste Ideal eines klassischen Pianisten, Andere wieder das miraculöseste aller Fingerherereyen von diesem Concerte versprochen haben. So kam es, daß Moscheles, der die Umschaffung des neuen Clavierspieles hier vorbereitet, den folgenden Jahrzehenden vorgearbeitet, nie geahnte Effecte entdeckt, die Geheimnisse des Tonanschlags enthüllt, eine lebhaftere Modulation und Rhythmik eingeführt, kurz der ganzen Claviervirtuosität einen glänzenden, stolzen, imposanten Aufschwung gegeben hatte, mit denselben Mitteln nicht zu enthusiasmiren vermochte, die, von ihm allein ausgegangen, längst ein Gemeingut Aller geworden sind. So kam es, daß dieses bravourvollendete, seine und schwungvolle, geist und empfindungsreiche Spiel zwar erkannt und gewürdigt, doch nicht glänzend ausgenommen wurde. Es hatte zu viel von dem Briosen des Tages an sich, um als Muster einer ruhigen objektiven Schönheit zu dienen, und wieder zu wenig Gleißendes, Prickelndes, Betäubendes, um das, was man in dieser gefährlichen Aftergattung kennen gelernt hat, zu überflügeln.

Übrigenshätte zweifelsohne ein Anderer als eben Moscheles mit demselben Concerte vielleicht Furore gemacht; allein das ist ja eben die schlimme Mitgift großer Talente, daß sich tu der öffentlichen Miinung an ihre Leistungen immer der Begriff des Außerordentlichen knüpft.—

Moscheles spielte ein „Pastoral-Concert,“ was er ohne Orchesterbegleitung nicht hätte thun sollen, weil ein Gemälde auch feinen Hintergrund haben will; es kann sich an Klarheit, Gedankenfülle und Gediegenheit mit seinen früheren nicht messen — die „As-dur-Sonate“ (Op.26.) von Beethoven, geistreich tief gedacht, brillant, doch, nach meiner und Anderer Meinung, für die geschlossene Form dieser edelsten aller Claviercompositionsgattungen oft zu willkürlich in rhythmischer Haltung und Ausdruck—„Alegro di Bravura“ (Cis-moll), „Kindermärchen,“ „Tarantella,“ also auch einen jener jetzt so beliebten Sträuße, aus welchen man oft zu wählen hat, welche Blume Einem am wenigsten gefällt; das Kindermärchen, zart und duftig erfunden wie erzählt, gefiel am meisten und wurde wiederholt.—„Freye Phantasie;“ der Meister ist von jeher durch die Geschicklichkeit, Erfindung und den Spielreichthum berühmt, womit er diese anmuthigen Schöpfungen des Momentes zu beleben versteht. Auch diese enthielt sehr interessante Parthien; nur hätten wir gewünscht von unserem mit der Krengeren thematischen Durchführung so vertrauten Künstler auch im gebundenen Style eine Episode zu hören.—

Moscheles steht als Componist, Virtuose, Umbildner und Pädagoge des Clavierspieles seit Jahren so hoch, und seine Wirksamkeit in höherer artistischer Bedeutung ist so vierdienstlich, daß er längst nicht mehr nöthig hat, sich um den berauschenden Taumel höchst ephemerer Scheintriumphe mit der pianistischen Jugend zu streiten. Dieser Sieg mag immerhin den jeunes premiers überlassen bleiben; ihm hat bereits die Chronik der Kunst ein Kapitel gewidmet, das mehr bedeutet, als all das Papiergeräusch der Tageblätter zusammen, nach welchem mattherzige Ruhmsucht unablässig ringt. Mit den „Alexander-Variationen“ steht Moscheles ans der Höhe eines von ihm geschaffenen neuen Claviervirtuosenthumes und der Glanz und der Schwung einer bisher nicht gekannten Mechanik wird zum Impulse einer stets zu neuen Wagnissen aufgereizten Fingerkunst. Mit seinen zwei Heften „Etüden“ führt er die begonnene Reform zu einem siegreichen Ende, indem er das mechanische Motiv vergeistigt, es zu Trägern bestimmter poetischer Ideen macht, und so im Morgenstrahle der hereinbrechenden romantischen Richtung auf sein schönes Gebäude den Schlußstein setzt. Seine Mission ist somit erfüllt, und sein Ruhm in der Kunstwelt gesichert. Was bleibt aber nunmehr dem im Streben und Vollbringen gereiften Künstler zu thun, zu genießen übrig, der den Gang der Kunst weder zu beschleunigen, noch zu hemmen vermag? Ihm bleibt, was Wenigen verliehen: die Kraft zu einer fortgesetzten, nutzbringenden, artistischen Wirksamkeit—eine blüthenreiche Vergangenheit eine früchtereiche Gegenwart. Daran ergötze sich denn auch der edle, ruhmgekrönte Künstler, den wir wie oft mit Entzücken studierten, spielten und hörten, und gedenke, sein rühmliches Wirken überblickend, geachtet von seiner Mitwelt, umgeben von seinen Lieben, jetzt wie in späten Jahren, in behaglicher Ruhe manchmal des Corintherspruches:

„Seht, das Alte ist vergangen

Und Alles ist neu geworden !“                               

Carl Kuntt.

Der Humorist (November 30, 1844): 12.

Moscheles Concert ein Gaudium gewesen ist. Das Orchester mit Sperrsitz ganz à la Lißt!

Der Ungar. Zeitschriftliches Organ für magyarische Interessen für Kunst, Literatur, Theater und Mode (November 30, 1844): 1114.

Moscheles hat bisher ein Konzert gegeben. Die Einnahme war brillant, die Aufnahme kalt, kalt, wie sein Spiel. Als ein so berühmter und zugleich reicher Mann, hätte er dieses öffentliche Auftreten wohl besser unterlassen sollen. Seine Kasse gewann nicht so viel, als ihm an seinem Rufe Abbruch geschah. Diese Fertigkeit im Spiele, womit er vor zwanzig und dreißig Jahren seine Auditorien staunen machte, können wir tagtäglich, so es uns Vergnügen macht, in jedem Salon bei hundert Dilettanten finden und bewundern, der Wunderkinder gar nicht zu gedenken, die das Alles gar oft noch besser zu machen wissen. Uebrigen geziemt es sich, einen so berühmten Meister, der ganz, richtig als der Reformator seines Kunstsaches bezeichnet wird, aus Rücksicht für seinen großen und wohlerworbenen Ruf als Kompositeur und Virtuosen, mit aller Achtung zu behandeln.

Sonntagsblätter (December 1, 1844): 1128-1129.

Professor Moscheles,

dessen erstes Konzert am 23. V. M. im Musikvereinssaale Statt gesunden hat.

Es war von seltenem und vielfachem Interesse, diesen berühmten Klavierspieler und Komponisten zu hören; denn Moscheles, welcher, wie die meisten hervorragenden Pianisten der Gegenwart, geborner Oesterreicher ist und Wien die Wiege seines Ruhmes nennt, folglich schon als heimische Zelebrität unsre Theilnahme rege macht, erweckte noch besonders dadurch die Neugierde, daß in ihm als einem der Haupt-Körisäen des Piano’s im verflossenen Dezenium die beste Gelegenheit gegeben war, diese Spielmethode seiner Zeit mit der gegenwärtig im Schwunge begrissenenen zu vergleichen. Niemand konnte uns einen klareren Spiegel davon vorhalten, wie sich früher der Geis—das Bleibende—mit der Form—dem Wechselnden—im Klaviervortraqe verband, als eben Moscheles, der sich so frisch und rüstig aus jener „guten alten Zeit“ erhalten hat, um noch einmal mit den jungen, fingerflinken Tastenläusern den Konzertwettlauf mitzumachen.

Und wir waren nicht vergebens erwartungsvoll; wir haben viel aus Moscheles erfahren: erstens, wie hoch der Komponist über den Konzertisten steht, welche gewaltige Herrschaft jetzt die zur Harmonie strebende Materie über den Geist der Kunstprodukzion erlangt hat, und daß Salomon der Weise in seinen Zeitbestimmungen der Dinge vergessen hat zu sagen: „Es ist Zeit, Konzerte zu geben, und Zeit, aus seinen Lorbeer auszuruhen!“

Moscheles ist, abgesehen von dem nie welkenden Kranze feines Kompostzions-talentes, auch noch als ausübender Pianist ein großer Künstler, dort, wo sein Spiel nicht in jenes Gebiet übergeht, wo die Technik in ihrem Glänze sich entfalten soll: hier ist er nicht nur hinter der weiten Streke zurükgeblieben, welche die Neuerem zurükgelegt haben, sondern neben der schwächeren Krast und Behendigkeit scheint auch das Feuer, welches die höheren Bravourerploitazionen durchglühen soll, schwächer geworden zu sein. Meisterlich hingegen, ja tast unvergleichlich ist sein Vortrag, wo es sich um delikate Nuan cen des Gemüthvollen, um schöne Bezeichnungen des Sinnigen in einer Komposizion handelt; die Empfindung und den Gedanken hervorzuheben, das versteht er, wie es nur irgend einer im Stande ist, und daß dies sehr viel sagen will, und daß er darum ein aus gezeichneter Künstler ist, bedarf wohl keiner weiteren Erklärung. Hinreißen, entzüken, begeistern, enthusiasmiren wird Moscheles nicht nur darum nicht mehr, weil wir solcher Spielweise, wie die seine ist, schon entwöhnt sind, sondern auch deswegen nicht, weil sein graues Haupt die Menge auf eine ruhigere, kühlere Aeußerung ihrer Anerkennung hinweist. So wie die Jugend mehr begeistert, so begeistert man sich auch leichter für die Jugend, als für Personen in vorgerükten Jahren.

Moscheles spielte zuerst ein Pastoralkonzert, welches nicht nur seinem G-moll- oder Es-Konzerte in geistiger Beschaffenheit nachsteht, sondern dem auch in der Durchführung die Gestaltung aus einem Guße fehlt Einzelne Stellen sind sehr hübsch, im Ganzen ist es aber wenig anregend, überhaupt ist die Konzertform ohne Begleitung immer einer gewissen Mattigkeit anheim gegeben. Sehr geistvoll war seine Darstellung der As-dur-Sonate von Beethoven, besonders im ersten Satze; er zeigte, daß er Beethoven zu spielen weiß, wenn er auch hie und da von der gewöhnlichen Auffassung ab wich. Unter den drei darauf folgenden Piecen: Allegro di bravura, Kindermärchen und Tarantella machte das liebliche und sinnige Kindermärchen einen allgemein erfreulichen Eindruk. Es ist eine der reizendsten Produkzionen in der kleineren Komposizionsgattung, und der Künstler spielte sie herrlich und mußte sie wiederholen. Er beschloß seine Vorträge mit einer „freien Fantasie,“ die schon darum keine ganz freie war, weil er Themas dazu nahm, die ihm gerade einfielen, anstatt sich selbe geben zu lassen, und daß ihm keine besseren einfielen, als die ans „Linda“ und „Aline“ war eben auch nicht recht. Wir kommen darauf das nächste Mal zurük, weil der Raum uns gebietet, diesen Bericht zu schließen, und melden nur noch, daß die Aufnahme des Künstlers eine sehr ehrenvolle und der Besuch des Konzertes ein zahlreicher war.

Neue Zeitschrift für Musik (December 2, 1844): 12.

Moscheles ist gegenwärtig in Wien und hat bereits ein Concert gegeben.

Oesterreichisch-Kaiserliche pirivilegirte Wiener Zeitung (December 11, 1844): 2601.

[See concert 3 December 1844]

Frankfurter Konversationsblatt (December 14, 1844): 1392.

Moscheles hat bereits ein ziemlich besuchtes Conzert gegeben und einen succés d’estime davon getragen. Die Zeit ist hin, wo Bertha spann. In diesem Concerte spielte Moscheles auf einem Prachtflügel unsers Hof-Clavierfabrikanten Bösendorfer’s, der wohl in Bezug auf Fülle und Zartheit des Tons mit dem besten Erard in die Schranken treten dürfte.

The Athenæum (January 11, 1845): 51.

The concerts of M. Moscheles, too, given by him at Vienna, after an absence of many years, have been most successful. He since performed at Leipsig, on his way to London, with great success—and, indeed, has been received, as was merited, through out his tour, with high musical honours.d

The Morning Post (January 29, 1845): 6.

Moscheles, the composer and pianist, has returned to town, after a most successful tour in Germany. He gave concerts at the Courts of Bavaria, Saxony, and Austria, assisted by the Royal orchestras. At Vienna, where Moscheles commenced his career, he was honoured twice with the commands of the Emperor of Austria to play before the Court, and he gave three public concerts, in addition to his private engagements.

Bell’s Weekly Messenger (February 1, 1845): 38.

[Same as issued in The Morning Post on January 29]

Brighton Gazette (February 1, 1845): 38.

[Same as issued in The Morning Post on January 29]

29 December 1823

Concert

Vienna: Kärntnerthortheater

↓Programme  

AriaMlle Sontag
AriaMiss Unger
Ballet, Die AmazonenGallenberg
Piano SoloMr. Moscheles
Violin SoloMr. Mayseder
Principal Vocalists: Miss Unger, Mlle Sontag,
Principal Instrumentalists: Messrs. Mayseder, Moscheles

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Review

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (January 1, 1824): 20.

Den 29. Burgth. „der Herbsrtag.“ Kärtnth. Wiederholung der musikalischen Akademie vom 26. Mit dem Unterschiede, daß Hrn. Moscheles Mitwirkung sehlte. Die Dellen. Unger und Sonntag sangen ihre Arien mit sehr ausgezeichneter Bravour, und Hr. Mayseder entzückte wie immer durch sein Violinspiel. Auf die Akademie folgte das Ballett „die Amazonen.“ An der Wien:

„Ein Yhr.“ Leopold st. „Proberolle.” Mad. Ziegler vom königl. städt. Theater in Pesth, gab die Rolle der Mad. Schnell als Gast.—Diese Frau hat offenbar ein entscjoedenes Talent, und wäre eine gute Acquisition für jede Bühne. Sie mußte in allen Charakteren dieser Verkleidungskomödie zu gefallen, aber als Landfräulein, Baumernmädchen und französische Gouvernante den meistenEffekt zu machen. Ein sehr humoristischer Ton liegt in allen ihren Außerungen, viele Nuancen stehen ihr zu Gebothe und ungemeine Klarheit bringt sie in die verschiedenen Aufgaben. Sie wurde mit Recht lärmend gerufen. Hr. Plaßer kopirte heute einen beliebten Komiker und gesiel. Hr. Fermier unterstüßte die Gastspielerinn recht fruendlich. Auch er wurde mit Applaus aufgenommen. Hierauf folgte: „die Zauberschere.“ Joseph st. „Arsenius, der Weiberfeind.“

27 December 1823

Joseph Mayseder’s Benefit Concert

Vienna: Kaiserliches und Königliches Hoftheater zu Wien

Programme 

Overture, [Alla memoria di Canova Omaggio pastorale] (new) Rossini 
Violin Concerto: Allegro (new)Mr. MaysederMayseder 
AriaMiss UngerRifaut 
Piano Concerto No.4 in E majorMr. MoschelesMoscheles 
AriaMlle Sontag; Violin Accomp.: Mr. MaysederPacini 
Violin Variation   
Ballet, Paris   

 

Principal Vocalists: Miss Unger, Mlle Sontag; Mr. Haitzinger      
Principal Instrumentalists: Messrs. Mayseder, Moscheles

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Charlotte: He took part in a concert for the benefit of the poor, and supported his friend Mayseder on the evening of his benefit, when he played the E flat concerto. [RMM, 60.]

Reviews

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (January 1, 1824): 20.

Den 27. Burgth. „die Verwandtschaften.“ Kärnth. Zum Vortheile des Herrn J. Mayseder: große musikalische Akademie. Hr. Mayseder, der beliebteste Concertmeister auf der Violine, verschaffte dem Publikum an diesem Abende wahre musikalische Hochgenüße, indem er ein Concert anordnete, deßgleichen man nicht leicht in diesem Theater erlebte. Mit Geschmack und gutem Glücke mußte er die trefflichsten und geschäßtesten Künstler und Künstlerinnen zu seinem Zwecke zu vereinen, die dann auch ganz vorzügliche Tonkstücke zur Ausführung gewählt hatten. Nur mit der Ouvertüre, welche Rossini bey der Aufstellung von Canova’s Büste aufführen ließ, war ein Theil des Publikums nicht ganz zufrieden, weil man es der ganzen Composition abermerkte, daß „Tancreds,“ des „Barbier von Sevilla“ und des „Mahomet“ zusammengetragen und mit dem gewöhnlichen marialischen Trommelgeräusche verbrämt wurde. Großen Beyfall erhielt der erste Saß eines Concerts, welches Hr. Mayseder mit der uns bekannten, ihm ganz eigenthümlichen Virtuosität vortrug. Eben so wurde Dem. Unger mit der Arie des Hrn. Risaut aufgenommen, die sie, eine Meisterinn im deklamarotisch-dramatischen Gesange, an diesem Abende mit großer Lieblichkeit, Fertikeit und Richtigkeit vortrug. Das anerkennen e Publikum rief sie wiederholt. Ihr folgte Hr. Moscheles mit seinem Concerte in Es dur. Sein Meisterrspiel verdiente und erhielt auch den ausgezeichnetsten Beyfall.—Nun erschien Dem. Sonntag mit dem Chore und fang eine Arie von Paccini mit Hrn. Mayseders Violinbegleitung. Die lieblichen Sängerinn fand Gelegenheit genug, ihre Fertikeit in Rouladen an der Tag zu legen und concertirte ganz vortrefflich mit Hrn. Mayseders Violine, das steigerte den Enthusiasmus der Zuhörer auf einen so haben Grad, daß die Sängerinn und der Concertist mehrmahl erscheinen mußten, um den verdienten Beyfall zu empfangen. Zum Beschluße erfreute uns Hr. Mayseder noch mit Variationen, die ebenfalls mit der größtmöglichsten Anerkennung belohnt wurden. Dieser herrlichen Akademie folgte das Ballett „Paris.“ Ich kann es mir nicht versagen, meine Bemerkungen über das mehrmahlige hervorrufen vorzüglicher Künstler dem Publikum mitztheilen. Auch der Beyfall unterliegt dem Geseße des Schicklichen, und wird dieses übertreten, so wird er demjenigen selbst lästig, der ihn zu empfangen verdiente. Meines Erachtens können bey dramatischen Künstlern nur zwey Stufen des Beyfalls gelten, nähmlich, wenn man den Künstler mit einem einfachen Applause entläßt, durch den man ihm zu erkennen gibt, daß er seine Leistung zur Zufriedenheit vollzogen habe; ist seine Leistung vorzüglich, begeistert sie, ist sie hinreißend, dann ist es schicklich, daß man ihn noch einmahl vorrufe und mit lautem Beyfalle gekrönt entlasse. In einem k. k. Hoftheater, in welchem man nur den Monarchen mit dreymahligem Applause und Zurufe begrüßt, ist es unschicklich, wenn man den Künstler auf dieselbe Weise behandelt und noch unschicklicher, wenn Personen des allerhöchsten hofes zugegen sind. Ein viermahliges gewähren, weil sie sich an den Bücklingen der Künstler ergößen wollen, diesen sollten die Künstler den Spaß verderben, und troß alles Pochens und Klatschen hinter den Coulissen blieben, weil es dem verdienten Manne nicht zugemuthet werden soll, ein Spielwerk solcher ungenügsamen, Klatscher zu seyn. B.—An der Wien: „ie Ochsenmenuette,“ und „ die Gunst der Kleinen.“ Leopold st. „der Barometermacher auf der Zauberinsel.“ Joseph st. „Arsenius, der Weiberfeind.“

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt (January 8, 1824): 16.

Hr. Mayseder entzückte das Publicum durch sein reihendes unübertroffenes Violinspiel auf eine außerordentliche Weise. Man kann sich keinen höheren Grad von Zartheit, Lieblichkeit und Fertigkeit denken, und es dürfte in diesem Winter jedem Violinisten schwer fallen, nach Mayseder noch einiges Glück zu machen.

Seine große Fertigkeit, seine wunderbare Gewandtheit in allen Künsten des Bogens, sein unglaubliches Staccato, und seine naive Art durch kleine interessante Vorschläge und Verzierungen den Vortrag zu schattiren: dieß sind Vorzüge, welche wir seit langer Zeit in so hohem Grade bey keinem Meister vereinigt fanden. Der Beyfall, dessen sich dieser Virtuos zu erfreuen hatte, war außerordentlich.

Der Ruf von dieser Academie, in welcher auch Dlle. Sontag und Hr. Haitzinger durch den schönen Vortrag eines Duetts und Mad. Gründaum durch eine Arie sich ausgezeichnet hatten, verbreitete sich bald und man sah die Wiederhohlung derselben mit Vergnügen.

Hr. Mayseder erhielt nun ebenfalls eine Academie, welcher ein Ballet folgte, im k. k. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthore zu seiner Benefice.

Es läßt sich denken, daß der große Violinspieler hier alle seine Kräfte aufboth, um den Erwartungen des Publikums Genüge zu leisten. Er spielte ein ganz neues Allegro eines Concertes von seiner Komposition. Der Tonsatz war geeignet, seine ganze Virtuosität zu entwickeln, doch erschien der Styl etwas veraltet. Sein Spiel erregte den höchsten Grad von Enthusiasmus. Seine Finger waren von dem seelenvollsten Gefühle begeistert, und bezauberten die Zuhörer mit unwiderstehlicher Gewalt. Hr. Moscheles trug ebenfalls durch sein Spiel auf dem Fortepiano zur Verschönerung dieser Academie bey, und man sah, daß derselbe den Wettkampf mit dem berühmten Violinisten für eine recht ernstliche Aufgabe angesehen, aus seinem kunstreichen und imposanten Spiele.

Dlle. Sontag aber war es, welche den Beyfallssturm durch ihren schönen wundervollen Vortrag einer italienischen Arie auf den höchsten Grad steigerte. Man muß gestehen, daß diese Sängerinn seit ihrem Aufenthalte in Wien, den sie trefflich zum Studium nach großen italienischen Mustern benutzte, die größten Fortschritte in einer Kunst gemacht hat, welche sie schon bey ihrer Ankunft in unsern Mauern in so schöner Vollkommenheit sich an zueignen verstand.

Ihre Fertigkeit, mit den größten Schwierigkeiten im leisesten Mezza-Voce zu spielen, hat ihr jetzt die einstimmige Anerkennung des gesammten Wiener Publicums in hohem Grade erworben. Die graziöse Art, sich während dem Vortrage zu benehmen, scheint dieselbe nicht allein »on der Natur, durch die Gabe der Schönheit erhalten, sondern auch einiger Magen »on der siegreichen Catalani erlernt zu haben. Der schnelle Überblick, mit welchem sie ihr Musikblatt beherrscht, macht es möglich, dag der Reitz ihrer Mienen, dem Zuhörer die ungestörte Freude gönnen darf, ihr seelenvolles Gefühl darin sowohl, als in ihrem Gesänge, wie in einem Spiegel ausgedrückt zu finden.

Der Beyfall war ungeheuer, und Hr. Mayseder, welcher durch einige Perioden concertirend die Stimme begleitete, wurde durch die mit Beyfall überhäufte Sängerinn noch mit vieler Grazie dem Publicum mit vorgeführt.

Die Variationen des Hrn. Mayseder entzückten jeden Musikkenner, jeden fühlenden Menschen im höchsten Grade

Allgemeine musikalische Zeitung (January 15, 1824): 45.

Am 27sten, im Kärnthnerthor-Theater, zum Vortheile des Hrn. Mayseder: das anakreontische Ballet: Paris, und eine musikalische Akademie, enthaltend: 1. Neue Ouverture von Rossini, zur feyerlichen Ausstellung der Büste Canova’s componirt: 2. Violin-Concert von Mayseder; 5. Arie von Rifaut, gesungeu von Dem. Unger; 4. Pianoforte-Concert in E dur, componirt und gespielt von Hrn. Moscheles; 5. Arie von Pacini, gesungen von Dem. Sonntag, die obligate Violinbegleitung ausgeführt von Hrn. Mayseder; 6. Violin-Variationen von ebendemselben. Vortreffliche Geschäfte; Geld und Lorbeern.

25 December 1823

Benefit Concert for the Hospital

Vienna: Großer Redoutensaal—Time: Evening, Seven o’Clock

Programme

Part I   
Symphony in D major: Allegro and Andante(new)Krommer 
AriaMiss UngerRifaut 
Violoncello VariationMr. MerkMerk 
Vocal Quartet arranged by Mr. SeipeltMessrs. Haitzinger, Rauscher, Rupprecht, Seipelt and Mr. MoschelesEisenhofer 
Free Piano Fantasia  
From Baals Sturn: SceneMr. FortiWeigl 
Anton Khayll   
Symphony in D major: Finale(new)Krommer 
Recit. and AriaMme GrünbaumMercadante 
Trio for Flute, Oboe and TrumpetMessrs. Alois Khayll, Joseph Khayll Anton Khayll  
From Ciro in Babilonia: TerzettMiss Unger, Mme Grünbaum,Rossini 
 Mr. Haitzinger  
Violin VariationsMr. MaysederMayseder 
From Euryanthe: Jägerchor Weber 

  

Principal Vocalists: Miss Unger, Mme Grünbaum; Messrs. Haitzinger, Forti, Rauscher, Rupprecht, Seipelt      
Principal Instrumentalists: Messrs. Alois Khayll, Anton Khayll, Joseph Khayll, Mayseder, Merk, Moscheles

———————————

Charlotte: He took part in a concert for the benefit of the poor. [RMM, 60.]

Reviews

Allgemeine musikalische Zeitung (January 15, 1824): 44.

Am 25sten, im k. k. grossen Redoutensaale, zum Vortheile des Bürgerspitals: eine musikalische Akademie, enthaltend: 1. Neue Symphonie von Krommer (in D), Allegro und Andante; 2. Arie von Rifaut, gesungen von Dem. Unger; 3. Violoncell-Variationen, componirt und gespielt von Hrn. Merk; 4. Vocal-Quartett; 5. Freye Phantasie auf dem Pianoforte, von Hrn. Moscheles; 6. Grosse Scene aus der Oper: Baals Sturz, von Hrn. Weigl; 7. Finale aus obiger Symphonie; 8. Arie von Mercadante, gesungen von Mad.; 9. Trio für Flöte, Hoboe und Trompete, vorgetragen von den Gebrüdern Khayll; 10. Terzett aus Rossini’s: Ciro in Babilonia, gesungen von Mad. Grünbaum, Dem. Unger und Hrn. Haizinger; 11. Violin-Variationen, componirt und gespielt von Hrn. Mayseder; 12. Jäger-chor aus Euryanthe. Bey einem so zahlreichen, gemischten Publikum, wenn die gesamte Bürgerschaft in Contribution gesetzt wird, lässt sich eben kein verfeinerter Geschmack erwarten. Doch wurden die Solo-Gesänge und Concert-Sätze beyfällig aufgenommen; dagegen musste die grosse Scene von Weigl, einzig für die dramatische Darstellung berechnet, aus mehr als einem Grunde hier wir kungslos vorübergleiten.

Oesterreichisch-Kaiserliche pirivilegirte Wiener Zeitung (January 15, 1824): 47.

Den 25. December v. J. wurde die von Sr. k. k. Majerstät  allergnadigst bewolligte musikalische Akademie in dem k. k. großen Redoutensaale, zum Vortheile der im Versorgunghause hause zu St. Marks sich befindenden armen Bürger, Bürgerinnen und Bürgersfinder gegeben, bey welchem menschenfreundlichen Unternehmen Mde. Grünbaum, Dlle. Unger, dam die Herren Forn, Seipelt, Heitzinger, Rauscher, Ruprecht, Mayseder, Merk, Moscheles und Gebrüder Khayll, mit ihren ausgezeichneten Kunsttalenten unentgeldich mitwirkten.

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt (January 20, 1824): 35-36.

Akademie.

Die große musikalische, welche den 25. December am ersten Weihnachtsfeyertage, zum Vortheile der in der Versorgung zu St. Marr befindlichen verarmten Bürger, Bürgerinnen und Bürgersfinder, Abends um 7 Uhr im k. k. grossen Redountessale Staat fand, war äußerst glänzend besucht, und darf mit jenen Akademien, die an diesem Tage in früheren Jahren zu gleichem wohltätigem Zwecke besucht wurden, auf jeden Fall in die Reihe treten; ein glänzender Beweis, daß die Herzensgüte der Bewohner unserer Kaiserstadt sich auch in dem verflossenen Jahre auf der wohlthätigen Sonnenhöhe ihrer Milde erhielt, von wo aus sie stets auch unter so vielfältigen Stürmen und Feuerproben der jüngst verflossenen Zeit ein mächtiger Hort der Bedrängten, eine kräftige Stüße der ihrem Schicksal erliegenden Mitbrüder war.

Mehrere achtungswert he Künstler, immer bereit, zum Wohle der Nebenmenschen die Früchte ihres Talents darzubringen, haben sich dem edlen Zwecke angeschlossen, und so ward es auch von Seite der Kunst möglich, diesen Abend auf das beste auszustatten. Die dabey vorgekommenen Musikstücke waren folgende:

Erste Abtheilung.

1. Große Symphonie in D, von Herrn Franz Krommer, k. k. Kammercapellmeister, erster und zweyter Satz.

Diese im großen und imposanten Style erfundene Tondichtung sprach allgemein an. Gang und Verwesung der Ideen darin ist trefflich, und die bedeutenden Schwierigkeiten der Execution, wurden von Seite des Orchesters auf eine glänzende Weife besiegt.

2. Arie, von Herrn Victor Rifaut, Mitglied des Pariser-Conservatoriums, gesungen von Dlle. Unger, k. k. Hofopern-Sängerinn. Sie wußte die schweren Stellen ihrer Arie sehr gut zu überwinden, und einen eigenthümlichen Reitz in ihrer Stimme zu zeigen. Die Zuhörer wurden besonders bey dem Sotto Voce sehr angenehm ergriffen.

3. Variationen für das Violoncello, componirt und gespielt von Hrn. Merk, Mitglied der k. k. Hofcapelle und des k. k. Hofopernorchesters. Der Empfang bewies ihm gleich Anfangs, daß das kunstgerechte Publicum wirkliche Künstler zu würdigen wisse. Er wußte aber auch diese Meinung durch herrlichen Vortrag seiner Komposition auf diesem schwierige» Instrumente zu rechtfertigen. Sein Ton war vollklingend, kräftig und rein, ein seltener Vorzug vor dem näselnden Ton so mancher anderer Cello-Spieler.

4. Vierstimmiger Gesang an die Wohlthätigkeit, nach Hrn. Eisenhofers Musik, arrangirt für diesen wohlthätigen Zweck von Hrn. Jos. Seipelt, vorgetragen von den H. H. Haitzinger und Seipelt, Mitglieder des k. k. privil. Theaters an der Wien, dann den H. H. Rauscher und Rupprecht, Mitglieder des k. k. Hoftheaters nächst dem Kärnthnerthor. Herrlich war der Zusammenklang dieser sonoren Männerstimmen; und dieses Tonstück war es, welches sich in der ganzen Akademie eines aus gezeichneten Beyfalls zu erfreuen hatte. Es mußte wiederhohlt werden.

5. Freye Phantasie auf dem Pianoforte, vorgetragen von I. Moscheles. Etwas über die vortreffliche Behandlungsweise des Fortepiano dieses Künstlers zu sagen, wäre überflüssig, seine Virtuosität wurde vom Publicum gewürdigt. Entsprach der Effect nicht ganz der hohen Erwartung, so lag dieses bloß an den vorhergehenden rauschenden Instrumentalstücken, welche aus das einsam folgende Instrument störende Pralllichier werfen mochten. Seine Ideen waren übrigens schön verbunden, reich mit originellen und kunstreichen Passagen durchslochten, die Thema’s seiner Variationen schienen auf die Zuhörer berechnet zu seyn.

6. Große Scene mit Chor aus der Opera: „Baals Sturz,“ von Hrn. Joseph Weigl, k. k. Hoftheater- Capellmeister. Diese Scene sprach wohl, von der mit in Rechnung gebrachten Scenen-Ausstattung entblößt, trotz des guten Vortrags des Hrn. Forti, und des präcis einfallenden Chors, am wenigsten an.

Zweyte Abtheilung.

1. Letzter Satz der obigen Symphonie von Hrn. Franz Krommer. Wie die vorhergehenden Sätze dieser Symphonie, ist auch dieser würdig, effectvoll und lieblich gearbeitet; der schöne Wechsel der Blasinstrumente wirkte im Contraste des streichenden Orchesters wohltkätig auf die Zuhörer, die das schöne Werk beyfällig anerkannten.

2. Recitativ und Arie mit Chor von Mercadante, gesungen von Mad. Grünbaum, k. k. Hof- und Hofopern-Sängerinn. Mad. Gründaum bewies neuerdings ihr schönes Talent im gefälligen Vortrag, und zeigte eine ungewöhnliche Biegsamkeit und Geläufigkeit ihrer Stimme, mit welcher sie dieses sehr dankbare Tonstück vortrug.

3. Terzett für Flöte, Oboe und Trompette, vorgetragen von den H. H. Gebrüdern Khayll, Mitgliedern der k. k. Hofcapelle und des k. k. Hoftheaters. Das Bestreben gedachter Künstler wurde beyfällig anerkannt.

4. Terzett aus der Oper Ciro in Babilonia von Rossini, vorgetragen von Mad. Grünbaum, Dlle. Unger und Hrn. Haitzinger. Alles früher Gesagte bestätigten diese beyden aus gezeichneten Sängerinnen, von dem wackern Tenor, Hrn. Haitzinger, auf das kräftigste unterstützt. Schön und bedeutend wurde dieses weichliche Terzett, in Rossinis reiner Manier versaßt, vorgetragen, und erhielt am Schlüsse den verdientesten Beyfall.

5. Variationen für die Violine, componirt und vorgetragen von Hrn. Joseph Mayseder, k. k. Kammervirtuosen. Mayseders eminentes Violinspiel glänzte gleich funkelnden Edelsteinen in bunter Farbenpracht und die entzückte Versammlung lohnte den Künstler durch großen Beyfall. Vorzügliche Reinheit der Intonation, auch in den schwierigsten Stellen, und voller Klang, nebst herrlicher Bogenführung, stempeln ihn zum großen Meister seines Instruments.

6. Jägerchor aus der Oper Euryanthe, von Hrn. Carl Maria von Weber, k. sächsischen Hofcapellmeister. Die Execution dieses beliebten Tonstückes war hinsichtlich des Sängerchors brav.

II. MM. der Kaiser und die Kaiserinn, die höchsten und hohen Herrschaften verherrlichten die Versammlung durch Ihre Gegenwart, und wurden von dem entzückten Publicum durch dreymahliges allgemeines Händeklatschen herzlich bewillkommt.

Erstaunenswürdig war der Andrang der Zuhörer an diesem Tage. Die Wohlthätigkeit hatte die Bewohner der entferntesten Vorstädte herbeygezogen. Doch war der Raum so eng, daß die Sehnsucht vieler Musikliebhaber nach diesem schönen Genüge noch vor Anfang der Akademie abgekühlt wurde, denn viele verließen den Saal.

15 December 1823

Ignaz Moscheles’ Third Concert

Vienna: Kaiserliches und Königliches Hoftheater zu Wien

Time: Evening, Seven o’Clock

Programme

Overture in C major, Zur Namensfeier Beethoven 
Piano Concerto No.2 in E flat majorMr. MoschelesMoscheles 
AriaMme GrünbaumRossini 
Grand Piano Variations on a Military March with
Orch. Accomp. (Alexander Variations)
Mr. MoschelesMoscheles 
From Mosè in Egitto: DuetMlle Sontag, Mr. HaitzingerRossini 
Violin Variations on a Danish SongMr. MaysederMayseder 
Free Piano Fantasia, incl. themes by Handel
and ‘Gott erhalte Franz den Kaiser’
Mr. Moscheles  
Ballet, Die Amazonen Gallenberg 

  

Principal Vocalists: Mlle Sontag, Mme Grünbaum; Mr. Haitzinger      
Principal Instrumentalists: Mr. Moscheles

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Programme Notes: Moscheles played his Piano Concerto No.2 on and the Alexander Variations on a Leschen piano and he improvised a free fantasia on Beethoven’s Broadwood piano. According to Schindler and Charlotte, Moscheles performed on a Graf instead of a Leschen piano, yet all the reviews wrote that the piano was made by Leschen.


Charlotte: The success of the first concert which Moscheles gave after his return to Vienna raised his spirits once more to the old level, although he was not free from bodily suffering. [RMM, 58.]

Charlotte: In November and December, Moscheles gave a second and third concert in the Karntnerthor Theatre, and for the last occasion Beethoven lent him with the greatest readiness his Broadwood piano. Moscheles wished, by using alternately at one and the same concert a Graf and an English piano, to bring out the good qualities of both. Beethoven was not exactly the player to treat a piano carefully; his unfortunate deafness was the cause of his pitiless thumping on the instrument, so that Graf—foreseeing the favourable issue of this contest to himself—generously laboured to put the damaged English instrument into better condition for this occasion. [RMM, 59-60.]

Moscheles: I tried…in my Fantasia to show the value of the broad, full, although somewhat muffled tone of the Broadwood piano; but in vain. My Vienna public remained loyal to their countryman—the clear, ringing tones of the Graf were more pleasing to their ears. Before I left the room I was obliged to yield to the urgent request of several of my hearers, in promising to repeat the whole concert the day after tomorrow. [RMM, 60.]

Anton Schindler: In November 1823, during a short visit that he made to Vienna, I [Schindler] took him to see the master and we three dined together. The reason for this meeting was that Moscheles wanted to ask Beethoven in person if he might use his English grand piano for a public concert that was to take place at the Kärtnerthor Theater. I had already made the request on Moscheles’s behalf. Strangely enough, the master’s reply was that he suspected Moscheles of some kind of financial speculation, since the piano and too short a keyboard to be of use to him. Nevertheless he lent him the piano. Moscheles used it only for an improvisation, as Conrad Graf had furnished him with one of his pianos.

[Anton Schindler, Beethoven as I Knew Him, ed. Donald W. MacArdle, trans. Constance S. Jolly (New York: W. W. Norton & Company, 1972), 372.]

Eduard Hanslick: Er that dies in den Jahren 1823 und 1824 nach der damals beliebten Gepflogenheit, im Kärntnerthor-Theater in den Zwischenacten oder vor dem Ballet. Ein Concert eigener Composition, der „Alexandermarsch“ und zum Schluß eine freie Phantasie, bildeten die Hauptbestandtheile dieser Concerte.

[Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesen in Wien (Wien: Wilhelm Braumüller, 1869), 218.]

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Playbill

Montag den 15. D

K. K. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthor

Zum Vortheile des Herrn J. Moscheles.:

Eine große musikalische Akademie,

worin derselbe zum letzten Mahle sich auf dem Pianoforte hören zu lassen die Ehre haben wird.

Vorkommende Stücke:

1. Ouverture in C, von L. van Beethoven. (Manuscript.)

2. Concert (in Es dur), für das Pianoforte, komponirt und vorgetragen von Herrn J. Moscheles.

3. Arie von Rossini, mit Chor, gesungen von Mad. Grünbaum.

4. (Auf Verlangen) Die Variationen über den Alexander-Marsch, componirt und vorgetragen von Herrn. J. Moscheles.

5. Duett aus Moses, gesungen von Dlle. Sontag und Hernn Haitzinger.

6. Variationen für die Violine, über ein dänisches Lied, componirt und vorgetragen von Herrn J. Mayseder, k. k. Kammer-Virtuosen.

6. [sic] Freye Phantasie auf einem englischen Pianoforte von Broadwood, vorgetragen von Herrn H. Moscheles.

Hierauf:

Die Amazonen.

Heroisches Ballet in drey Acten, von der Erfindung des Herrn L. Henry.

Musik von verschieden Meistern.

Personen.

Oriethnia, Königinn der AmazonenDlle. Perceval. o Theseus, Hr. Rozier.
Anttope, ihre NichteMad. Rozier. o Aristheus,AthenienserHr. Bretel.
Amyntha, ihre FreundinnMad. Gioja. o. Eurikles, Hr. Desterfani.
    Amazonen. Athenienser  

Tanzstückes: Pas de deux, getanzt von Dlles. Milliere und Perceval.— Pas de sept, getanzt von Hrn. Rozier, Mad. Rozier, Dlles. Heberle, Torelli, Mad. Bretel. Dlles. Ramacini und Eßler Th. Musik hiezu von Carafa.—Pas de deux, getanzt von Dlle. Heterle und Dlle. Torelli.—Pas de onze, getanzt von den Herren RozierBretel, Dlle. Milliere, Mad. Rozier, Mad. Bretel, Dlles. Ramacini, Perceval, Torelli, Etzler Therese und Etzler Fanny.

Musik hiezu von Rossini.

Freybillets sind heute ungültig.

Dlles. Unger, Bio und Taglioni sind unpäßlich. Herr Zeltner ist krauß

Der Anfang ist um 7 Uhr.

[Österreichisches TheaterMuseum]

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt (December 13, 1823): 596.

Hr. Moscheles wird nach dem dritten Concert Wien verlassen, um eine neue Kunstreise zu beginnen.

Reviews

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (December 20, 1823): 607.

Musik.

Moscheles gab im k. k. Hoftheater nächst dem Körnthnerthore Montags den 15. Dec. zum letzten Mahle vor seiner Abreise von Wien ein Concert. Wir hegen die angenehme Hoffnung, daß dieser Beysatz „zum letzten Mahle“ hier nur zum ersten Mahle auf dem Theaterzettel stand. Angenehme Genüße wünschen alle Sterblichen wiederholt, und wenn sie auch manchmahl mit Lebensgefahr verbunden wären. Und ist dieß etwa eine Uebertreibung bey der Akademie von Moscheles? Waren nicht schon einige Frauenzimmer ohnmächtig, die um sechs Uhr im Vorhofe des Schauspielhauses so ins Gedränge geziethen, daß man glaubte sie würden sieben Uhr nicht erleben? Rollten nicht die Carossen mit ihren Quasten gezierten Staatsgaulen daher, als ob eine italienische neue Oper von Rossini aufgeführt würde? Drängte sich nicht der gebildete Wiener mit seiner Schönen am Arm hinzu, als ob Mozart’s „Don Juan“ oder „Figaro“ gegeben würde? Ja man kann im Style des zum correspondirenden Mitgliede der Frankfurter gelehrten Gesellschaft ernannten Pascha’s von Aegypten sagen: „Alle Gläubigen und Ungläubigen strömten nach dem Theater um dieser Akademie beyzuwohnen.“

Zuerst mußte der Ruf des Hrn. Moscheles auf jedem Fall so großen Einfluß geäußert haben, zweytens mochte wohl der Nahme des unübertrefflichen Violinspielers Mayseder einen Theil der Zuhörer berbeylocken, drittens mußte nothwendig das Wort „auf einem englischen Fortepiano“ die anziehende Macht des  Theaterzettels verstärken, denn wie sollte nicht alles was „englisch“ heißt, in unserer Zeit die Neugierde der Welt rege machen?

Ein englisches Horn, ein englischer Braten, ein englisches Pferd, ein englischer Lord, ein englischer Hund, ein englisches Hosenzeug, ein englisches Dampfschiff, dieß sind lauter anziehende Sachen, und also mußte auch das englische Fortepiano seine Attractions-Kraft geäußert haben.

Die Akademie fing mit Beethoven’s Symphonie in C an. Die Aufführung dieses Tonwerks war fleißig, doch schien das Publikum zu gemischt in Beziehung auf seine Geschmacksnerven zu seyn. Der Vorhang rollte auf. Das deutsche Fortepiano von Leschen in Wien wurde von den Dienern, welche bey dieser Gelegenheit immer auch gleich eine Anstandsrolle spielen müssen, und manch mahl Lachen erregen—aufgeschlossen, die Lichter gestellt, und alles geordnet. Moscheles erschien, und legte wie er gewöhn lich thut, seinen französischen Staatshut an die Erde. Warum nicht auf einen Sessel? Das Concert in Es begann und wir hörten nun auch in dieser Composition einen recht gehaltvollen Styl, dessen sich der Virtuos seit seiner Abwesenheit von Wien in der That bemeistert hat. Die Instrumenstrung zeigt von einem raffinirten Hautgout, der gehörig pikant zu würzen, und schöne Mannigfaltigkeit zur Einheit zu verbinden weiß.

Man muß gestehen, daß Hr. Moscheles in der musikalischen Rhetorik den Artikel von der Gradation recht gut studirt und auf die Art sich zu präsentiren klug anzuwenden gelernt hat. Er schien die größten Schwierigkeiten in diesem Conzerte vereintgt, und die effektvollsten Passagen für dieses Tonstück ausstudiert zu haben. Allgemein war die Anerkennung seines großen Virtuosentalents, laut und höchst ehrenvoll der Beyfall. Er bediente sich des deutschen Fortepianos mit einem unbegränzten Vertrauen in seine Tüchtigkeit, und der deutsche feste Charakter bewährte sich auch hier. Seine Grazte in der Kunst Perlenschnüre aus Tönen zu rethen, welche in funsel nder Schönheit den ästhetischen Sinn ergötzen, ist eminent. Seine Bravour und Sicherheit möchte wohl in jetziger Zeit nicht übertroffen werden. Er wurde nach dem Abgange noch zwey Mahl gerufen.

Hierauf sang Mad. Grünbaum eine italienische Scene mit der ihr eigenen Virtuosität und erntete lauten ehrenden Beyfall ein. Auch sie wurde hervorgerufen. Ihre Stimme war sehr hell und rein.

Der Held des Abends trat nun wieder zum Fortepiano. Er nahm auch jetzt wieder das deutsche, um seinen Alexandermarsch mit Variationen, die wir, aufrichtig gesagt, zu seinen glänzensten zählen, darauf vorzutragen, das englische Instrument—es ist dasjenige, welches der berühmte Engländer Broadwood unserm berühmten Beethoven zum Präsente von London gesandt hat—stand immer im Winkel des Saales, und man stellte allerley Betrachtungen über seine äußere, mehr im alten Style gehaltene Form an. Moscheles trug nun sein Tonstück [*] einer ganz unerhörten Bravour und unbegreiflichen Schnelligkeit des Tempos vor. Wirklich kann man sich nicht mehr Fertigkeit, Präcision und Geschmack im Piano, besonders in kleinen Ritardando’s denken. Der Beyfall war stürmisch.

Jetzt traten Dem. Sontag und Hr. Haizinger vor, und sangen beyde mit schöner Stimme und kunstgerechtem Vortrage ein italienisches Duett. Sie wetteiferten in Zierlichkeit und Ausdruck, lauter Beyfall war ein Tribut, den jeder Unbefangene der reizen den Sängerinn und dem braven Tenor aus frohem Herzen brachte. Auch diese wurden abermahls gerufen.

Ihnen folgte der Liebling der Wiener, der sich immer mehr in Eleganz, Korrektheit und Anmuth des Spiels übertreffende Violinist Hr. Mayseder. Wer kann diesen Herzenszauberer hören, ohne ihm seinen Beyfall zu schenken. Er spielte meisterhaft, und entlockte seiner Violine die reizendsten Schmeicheltöne. Sein Abgang war von so enthusiastischem Beyfall begleitet, daß er zwey Mahl wieder auf der Bühne erscheinen mußte, um den Beyfall zu empfangen.

Nun machte Moscheles den Beschluß mit einer freyen Fantasie auf dem englischen Fortepiano. Er erweckte die rührende Theilnahme aller Herzen durch sein Thema, das wir mit Recht ein Hauptthema aller Oesterreicher nennen können, auf enthusiastische Weise, denn er spielte freye Variationen auf das Lied ,,Gott erhalte Franz den Kaiser“ mit großer Bravour und reichem Erfindungsgeiste. Der Beyfallssturm endete nur als er ein neues Thema von Händel einwebte. Laute Bravo’s und Händeklatschen begleiteten ihn beym Abgange. In der Behandlung des Fortepianos zeigte sich’s, daß der Ton des Basses zu schwach und zu grell war, wenn er angegriffen wurde. Dies gilt überhaupt auch von Diskant, der jedoch stärker ist. Die Dämpfung ist nicht so präcis, wie die bey den Wiener—Flügeln. Der Fall ist etwas zu tief, deshalb nicht bequem zum Concert, obwohl zum Fantasiren geeignet. Gleich Anfangs sprang eine Diskantsait. Bey langsamen Arpeggio’s tönte der Klang sehr schön fort. Bey schnell n Figuren wurde derselbe undeutlich. Die Kunst der Wiener-Fortepianomacher—hier ist von den besten soliden Meistern die Rede—wurde einstimmig anerkannt, und am englischen Instrumente mancherley vermißt.

Hr. Moscheles spielt noch einmahl für Hrn. Mayseder’s Vortheil in seinem Benefize.

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (December 23, 1823): 618-619.

Moscheles

veranlaßte am 15. Dezember durch sein Benefit allen Musikfreunden ein großes musikalisches Fest. Die kunstfördernde Direktion des k. k. Hofopern-Theaters überließ diesem Künstler für den beutigen Abend das Schauspielhaus, und gab nach der musikalischen Akademie den beliebten, schönen Ballet „die Amazonen;“ das Haus war zum Erdrücken voll.

Die interessant angeordnete Akademie begann mit einer herrlichen, noch selten gehörten Ouverture von Beethoven, in welcher der große Meister der Töne seinen Genius in einer ganzen Eigenthümlichkeit walten ließ. Die Aufführung war nicht sehr Präcis, und sehr interessant wäre es, dieses herrliche Tonstück gut probieret bald wieder zu hören. Moscheles spielte zwev Mahl auf einem sehr guten instrumente von Leschen, und ein Mahl auf einem englischen Pianoforte von Broadwood. Zuerst hörten wir das Concert aus Es-dur, mit welchem dieser Virtuos vor seiner Reise von uns Abschied nahm, sodann seine Alexander-Variationen, und endlich fantasirte er auf dem englischen Instrumente.

Moscheles bewies heute wieder, daß er der größte Pianofortespieler unserer Zeit ist. Diese Kraft, diese Präcision, diese Nettigkeit, diese ungeheure Bravour, diese Mannigfaltigkeit der Nüancirung, dieser geschmackvolle Vortrag, diese Ausdauer finder sich nur in ihm vereinigt. In dem Concerte entwickelte er vorzüglich die Kraft und Sicherheit seiner linken Hand, welche der rechten zu spotten scheinet. Er überraschte uns in diesem Concerte mit einem neuen Adagio und mit der ganz neuen Art und Weise, wie er das Ganze spiele. Als wir dieses Concert zuletzt in Redouten-Saale hörten, freuten wir uns auf den Effekt, den unser Landsmann im Auslande hervorbringen würde, und es war damahls wohl niemand tun Saale, welcher dachte, daß er dieses Concert jemahls vollkommener hören könne, und dennoch wurde es so; denn Moscheles hat sein Spiel unendlich veredelt, abgerundet und sich eine Tonbildung eigen gemacht, welche das Clavier in ein ganz sangbares Instrument verwandelt. Dabey hat er seine Bravour, zu jenem Grade gesteigert, in welchem sie aufhört die Schwierigkeiten prahlsüchtig zu präsentiren, sondern sie demüthig dem höheren Kunstzwecke subordinirt. Moscheles ist der größte Künstler auf seinem Instrumente geworden!

Die Alexander-Variationen werden wir in diesem Tempo wohl niemahls von jemand Andern in solcher Vollkommenheit hören; in diesen produzirte er den Sieg des Mechanism, durch welchen den Geste die Schätze zugeführt werden; mit denen es aus langenden Mittel zu allen musikalischen Entreprisen auf dem Pianoforte erhält. Sie heißen Alexander Variationen; und Moscheles erscheint mit ihnen als der große Alexander im Reiche der Töne und Claviere.

Hatten das Concert und die Variationen schon scheinbar alles er schöpft, was das Clavier zu leisten im Stande war, so hoffte man auf dem Broadwood’schen Instrumente wentastens rücksichtlichder Qualität des Tones eτwas Neues zu hören; hierin fanden wir uns zwar getäuscht, denn eben nicht die besten unsrer Clavier-Instrument-Macher hatten schon lange viel Besseres in Ton. Kraft und Ausdauer geleistet, allein Moscheles überraschte dennoch abermahl durch die Neubeit seiner Figuren und Passagen, aber noch erfreuender und allgemein enthusiasmirend dadurch, daß er in Gegenwart unsers angebetheten Landesvaters unser herzinniges „Gott erhalte Franz den Kaiser“ als Thema verwendete. Lauter Jubel unterbrach den Virtuosen bey den ersten Tönen des Thema, und erscholl lang, langnachhallend am Schlusse desselben. „Gott erhalte uns sern guten, geliebten Vater-Kaiser!“ tönte in Aller Herzen in lauten Jubel-Tönen und verwandelte den Concert-Saal in einen Tempel, in welchem die heißen Wünsche eines glücklichen Volkes zum Himmel steigen. Der Virtuos war begeistert von der Menge, derer Begeisterung erweckte und führte sein Thema höchst glücklich durch, welches er sinnvoll am Schlusse mit dem Thema eines Händel’schen Triumph-Chores verwebte.

Dem Clavier-Alexander Moscheles wurde der geachtetste allgemeine Beyfall zu Theil. Nach jeder seiner Nummern wurde er zwey Mahl gerufen und empfing den Beweis der Anerkennung seiner Verdienste um die Kunst auf die bescheidenste Weise.

Das ganze Concert war sehr würdig ausgestattet. Mad. Grünbaum sang eine Arie mit großer Virtuosität u wurde mit reichem Beyfalle belohnt. Diese große Künstlerinn zeichnete sich heute wieder durch die Großartigkeit ihres Styles und die Eleganz ihres Vortrages aus. Wenn diese, erst seit kurzett wieder mehr nach Verdienst gewürdigte Sängerinn auch keine eigentliche Gemüths- Sängerinn ist, so ist sie um so mehr Kunst-Sängerinn von der seltensten Qualität, und alles Seltene hafte doch sonst Werth, wenigstens für ein Kenner-Publikum. Stakkirte Gänge und chromatische Läufe machte sie beute mit so bewunderungswürdiger Vollendung und entwickelte überhaupt nach allen Richtungen hin die glänzendste Bravour. Auch unsere liebliche Sonntag sang ein Duett mit Hrn. Haizinger stellenweise sehr brav, ihre Intonation schwebte aber hin und wieder ein wenig, jene des Hrn. Haizinger aber weit auffallender.

Hr. Mayseder spielte Violin-Variationen von eigener Composition, die wir schon öfter von ihm gehört haben, welche er aber heute mit einer neuen auf die angenehmste Wetze überraschend vermehrte. Hr. Mayseder spielte, wie immer, vortrefflich und entzückte allgemein. Seine Eigenthümlichkeit im Spiele scheint sich noch immer auf das wunderbarste zu entwickeln. Schade für den musikalischen Ruhm Wiens, daß nur Wien seine bezaubernde Töne kennet! D.

Allgemeine musikalische Zeitung mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat (December 27, 1823): 829-830.

K. K. Hof-Theater nächst dem Kärnthner-Thore.

Herr Moscheles gab noch eine dritte musikalische Academie in diesem Theater, und der Zulauf der Menschen war so gross, da dieselbe Academie nach wenig Tagen wiederhohlt wurde, dass wir wohl noch einige Mahle das Vergnügen haben wer den, ihn zu hören. Er spielte diess Mahl sein Concert in Es, von dem wir in Ansehung seines musikalischen Werthes nur Rühnliches sagen können. Eine wirklich schöne musikalische Arbeit, in welcher sich seine Gewandtheit in der Harmonie recht deutlich beurkundet.

Mit raffinirtem Erfindungsgeiste waren die ungeheuersten Schwierigkeiten in dieser Composition angehäuft, und wurden von dem grossen Fortepiano-Virtuosen auf eine eminente Weise gelöst. Man kann nicht mit mehr Sicherheit, Kühnheit und correcter Eleganz spielen, als Herr Moscheles. Das Fortepiano von Leschen that Wunder unter seinen Händen. Grosser stürmischer Beyfall und die Ehre des Hervorrufens wurde ihm zu Theil. Als zweyte Nummer spielte er die brillanten Variationen über den Alexander-Marsch, welche ihn hier in Wien vor einigen Jahren zum Virtuosen stämpelten. Seine Bravour überstieg alle Gränzen, sein schnelles Tempo alle Begriffe, und dennoch war Alles nett, rund und zierlich. Sein Wechsel im Piano und Forte war sehr anmuthig. Ungeheurer Beyfall wurde ihm. Sein drittes Tonstück war eine freye Fantasie auf einem englischen Pianoforte von Broadwoad. Wir gestehen offen, dass der singende Ton desselben in langsamen Interesse etwas Angenehmes hat, aber müssen bekennen, dass der Klang schwirrt und klirrt, wenn die Saiten angegriffen werden.

Die Kraft des Hammers verträgt das englische Instrument gar nicht. Der Bassist ist ohne Verhält miss zu schwach. Jeder Unbefangene musste denn deutschen Kunstfleisse Gerechtigkeit widerfahren lassen, und konnte den Wiener berühmten Forte pianomachern seinen überwiegenden Beyfall nicht versagen. Herr Moscheles hatte Geistesgegenwart genug, eine gleich Anfangs springende Discantsaite während des Trillers seiner linken Hand herauszunehmen, und führte seine Phantasie mit vieler Geschicklichkeit und Kunst durch.

Der Beyfall war abermahls ausserordentlich, und die Ehre des Hervorrufens wurde ihm aber mahls zu Theil.

Unseres trefflichen Beethoven Ouverture in C, noch Manuscript, wurde zum Anfang executirt.

Als Zwischenstücke sangen Mad. Grünbaum, dann Dlle. Sonntag und Herr Haitzinger mit vieler Virtuosität und verdientem Beyfalle.

Herr Mayseder erregte durch sein ausserordentlich schönes Violinspiel einen enthusiastischen Beyfallssturm. Man muss diesen Violinspieler zu den grössten Virtuosen unserer Zeit rechnen. Sein Bogen ist einem jeden Kenner eine bewundernswerthe Erscheinung. Die Lieblichkeit und Zartheit seines Tons ist unvergleichlich.

Herr Moscheles hat sich in diesem Concerte abermahls grossen Beyfall erworben.

Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (December 30, 1823): 1288.

Am 15. December ließ Herr Moscheles zum dritten Mal im k. k. Hoftheater am Kärnthnerthore sich hören, und zwar bey übervollem Hause. Die Ankündigung, dag er zum letzten Male vor seiner Abreise spielen werde, hatte die gahl der Zuhörer verdoppelt. Die Akademie begann mit einer Ouvertüre von Beethoven, die ziemlich gut executirt wurde.

Herr Moscheles spielte hierauf sein Concert in Es, in welchem er nicht allein eine sehr effectreiche und geschmackvolle Instrumentirung angebracht, sondern auch seiner eminenten Kunstfertigkeit die glänzendsten Momente bereitet hat. Die Rundung, Nettigkeit und Eleganz seines Spiels erregte einen neuen Grad von Bewunderung. Das Schwerste und Glänzendste scheint Herr Moscheles zur letzten Akademie auf gespart zu haben. Seine außerordentliche Fertigkeit war immer durch interessante Schattirungen gehoben; die schnellsten und schwersten Passagen zeichneten sich besonders dadurch aus, das, sie oft im leisesten Piano vorgetragen wurden. Der Beyfall war groß, und zweymal wurde der Künstler nach einander hervor gerufen.

Das zweyte Tonstück, das die Theilnahme der Zuhörer bis zum Enthusiasmus freigerte, war der Alexandermarsch mit Variationen; ein glänzendes, effectvolles und er greifendes Tonstück. Sein Staccato führt er in einem überraschenden, schnellen Tempo aus, und es entschlüpft ihm keine Note. Er führte diese beyden Stücke, so wie früher, auf einem Fortepiano von Leschen in Wien aus, das seinem Spiele durch die höchste Präcision des Anschlags, Kraft des Tons und Lieblichkeit des Piano, besonders aber durch die feste Stimmung sehr zu Statten kommt.

Das letzte Stück, eine freye Phantasie, wirkte um so mehr, weil der Virtuos das Lied „Gott erhalte Franz den Kaiser!” zum Thema nahm, und damit die schönste Saite in allen Herzen berührte, das sein Gemüth und seine Kunst zugleich erhob. Er mischte kunstreich ein Thema von Händel ein, und trug dieses Tonstück auf einem englischen Fortepiano von Broadwood vor, das von London unserm hochgeschätzten Beethoven zum Geschenk übersendet wurde.

Der Ton dieses Instruments ist, wenn es im Forte angegriffen wird, zu grell und nimmt etwas Klirrendes an. Die schwache Besaitung, die der englische Verfertiger wählte, um dem Instrumente mehr Gesang zu geben, ist für das Concertspiel zu kraftlos. Der Baß ist besonders schwach; die Dämpfung, auf englische Art, auch nicht präcis, sondern der Ton klingt nach. Die äufiere Form hat für unsern jetzigen Geschmack etwas Widerstrebendes. Alles ist spindelartig gedrechselt an den Fügen. Ein stimmig erkannte man die deutschen Flügel im Ton und in der Behandlung für vorzüglicher, als die englischen. Wien hat es darin auf den höchsten Grad gebracht. Herr Moscheles wurde auch jetzt zwey Mal hervorgerufen.

Als Ruhepuncte für den Spieler wurden folgende Tonstücke aufgeführt. Zuerst sang Mad. Grünbaum eine italiänische Scene mit vieler Bravour und guter Stimme. Sie erhielt großen Beyfall. Dann wurde von Dlle. Sonntag und Herrn Haizinger er ein Duett beyfallswürdig vorgetragen. Einen großen Enthusiasmus erregte das reizende Spiel des Herrn Mayseder, der täglich mehr als Meister auf der Violine sich hervorthut. Diese Akademie ist seitdem auf vielfältiges Begehren wiederholt werden.

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt (January 8, 1824): 16.

Im k. k. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthore wurden durch die Anwesenheit des berühmten Claviervirtuosen Moscheles, den Freunden der Musik noch einige angenehme Genüsse bereitet, indem derselbe sich noch einige Mahle hören lies!, und beydieser Gelegenheit durch die ausgezeichnetsten Künstler unterstützt wurde.

Einmal beschloß, er die Academie, in welcher er sich durch ein großes Concert und seine Variationen über den Alexander-Marsch schon auf die glänzendste Weise ausgezeichnet hatte, durch eine Phantasie auf einem englischen Pianoforte. Dieß Instrument hatte ihm unser berühmter Beethoven zu diesem Zwecke zu leihen die Gefälligkeit gehabt. Es ist ein Geschenk, welches der in London berühmte Fortepianomacher Broadwood Hrn. van Beethoven nach Wien geschickt hat. Moscheles spielte seine beyden ersten Nummern aus dem Fortepiano von Leschen, das er bey allen seinen Concerten gebraucht hatte. Man war nun deßhalb um so mehr gespannt, welche Wirkung das englische Clavier machen würde, weil denn doch ein großer Theil der jetzt lebenden Welt bey dem Worte „Englisch“ einen so ungeheuren Respect zu bekommen gewohnt ist, das, man sich darunter nur das Vollkommenste, Feinste und Geschmackvollste denken könne. Diejenigen, welche mit einem albernen Aberglauben, oder wohl gar in einem lächerlichen, vornehmen Hochmuthe deßhalb allem teutschen Kunststeiße den Rücken kehren, und sich wo möglich alle Bedürfnisse lieber tagtäglich von London kommen ließen, wären in der That nur durch einen recht tüchtigen englischen Boxer von ihrer Anglomanie zu kuriren, der sie durch einige Gänge davon überzeugen könnte, daß nicht alles „Englische“ gerade das Beste ist.

Hier wurde nun aber der teutsche Kunstfleiß auf eine andere Weise zu Ehren gebracht, und diejenigen, welche sich durch das vom Concertspieler gebrauchte Köderwort „Englisch“ hatten anlocken lassen, ihren Körper auf ihre eigenen Kosten in’s volle Theater zu tragen und recht tüchtig drücken zu lassen, konnten gewahr werden, daß auch die Virtuosen sich mancher Aushängeschilde bedienen, und überhaupt nicht allemahl, wie bey der Hochzeit zu Canaan, das beste Gericht zuletzt auf den Tisch bringen.

Die Phantasie auf dem englischen Instrumente nahm sich nicht eben zum Besten aus. Die Dämpfer sind lange nicht so präcis, als unser teutsches Ohr sie fordert, und unsere jetzige Clavierconcertmusik verlangt. Der Bezug der Saiten ist zu schwach, und gibt den runden vollen Ton nicht an, sondern bey kräftigem Angriffe klirren die Töne.

Hr. Moscheles suchte nun zwar mehr durch gesangreiche Stellen seinen Vortrag zu heben, und durch Arpeggio’s oder andere mehr practikable Passagen sich auszuzeichnen; aber man er kannte allgemein den teutsche Flügel, wie er in Wien von den besten Meistern gemacht wird, für vorzüglicher an. Das Fortepiano von Leschen siegte also.

Allgemeine musikalische Zeitung (January 15, 1824): 43-44.

Am 15ten, ebendaselbst: Zum Vortheile des Hrn. Moscheles: eine musikalische Akademie, nebst dem Ballet: Die Amazonen. Erstere enthielt: 1. Ouverture von Beethoven (in C, 68Takt); 2. Pianoforte-Concert in Es; 3. Arie von Rossini, gesungen von Mad. Grünbaum; 4. Die Variationen über den Alexander-Marsch; 5. Duett aus Moses, gesungen von Dem. Sonntag und Hrn. Haizinger; 6. Violin-Variationen über ein dänisches Lied, von Mayseder; 7. Freye Phantasie auf einem englischen Pianoforte von Broadwood. Es ist solches dasselbe Exemplar, welches Beethoven vor einigen Jahren aus London zum Geschenk erhielt, und wofür er an Mauthen, Zöllen und Frachtgebühren mehr bezahlen musste, als das Instrument eigentlich werth ist; denn diese Instrumente dürfen sich doch wahrlich mit unsern einheimischen Erzeugmissen gar nicht messen. Da es, wie bekannt, sehr schwer zu traktiren ist, so wirkte Herr Moscheles in der That Wunder darauf, welcher, indem er in seinen frühern Phantasieen Themen von Rossini, Weber, Mozart und Beethoven zu sammenstellte, diessmal Haydn’s Volkslied mit Händel’s grossartigem Chor aus dem Alexanderfeste paarte und durch seine hohe Virtuosität wieder zur allgemeinsten Bewunderung hinriss.

Am 17ten, ebendaselbst: Auf allgemeines Verlangen: Wiederholung obiger Darstellung.

Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz (January 16, 1824): 44.

Der berühmte Clavierspieler Moscheles, welcher in Paris und London neulich Ehre und Geld so reichlich erworben, gab drei musikalische Akademieen bei stets vollen Häusern und mit ungetheiltem Beifall. An Präcision, Nettigkeit, Kühnheit und Glanz des Spiels wird nicht leicht einer der Lebenden ihn übertreffen; mir aber sey es erlaubt, was Ausdruck, Gemüth und Phantasie betrifft, Hummel für weit bedeutender zu halten, wenn er Jenem auch an obenberührten Eigenschaften weit nachsteht. Beide können und werden sehr gut neben einander bestehen und Jeder für einen vorzüglichen Künstler überall angesehen werden.

…Redakteur und Herausgeber: F. W. Gubit.

The Harmonicon, vol. II (April 1824): 71.

[Vienna] The admired Moschelles, after an absence of four years has visited this city again. His stay, however, was short, as his professional engagements claim his presence in England. He gave a concert which was numerously attended, on which occasion he performed a fantasia, in which he displayed the most surprising powers, joined to the highest elegance and perfection of art. The applause was unanimous, and it seemed the universal opinion, that the progress he had made during his absence, was beyond the most sanguine expectations.

29 November 1823

Ignaz Moscheles’ Second Concert

Vienna: Kaiserliches und Königliches Hoftheater zu Wien

↓Programme 

Piano Concerto No.3 in G minorMr. MoschelesMoscheles 
From L’ Italiana in Algeri: DuetMessrs. Haitzinger, SeipeltRossini 
Piano Fantasia and Variations on the      favourite air ‘Au clair de la Lune’ with Orchestral Accompaniments (Op.50)Mr. MoschelesMoscheles 
AriaMlle SontagRossini 
Free Piano Fantasia, incl. Mozart’s ‘Vivat Bacchus’ and a theme by BeethovenMr. Moscheles  
*Overture, Lodoiska Cherubini 
*Symphony Beethoven 
Principal Vocalists: Mlle Sontag; Messrs. Haitzinger, Seipelt      
Principal Instrumentalists: Mr. Moscheles

———————————

Note: The piano was made by Le fahren.

Charlotte: ‘In November and December, Moscheles gave a second and third concert in the Karntnerthor Theatre’.

RMM, 59.

Eduard Hanslick: ‚Er that dies in den Jahren 1823 und 1824 nach der damals beliebten Gepflogenheit, im Kärntnerthor-Theater in den Zwischenacten oder vor dem Ballet. Ein Concert eigener Composition, der „Alexandermarsch“ und zum Schluß eine freie Phantasie, bildeten die Hauptbestandtheile dieser Concerte‘.

[Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesen in Wien (Wien: Wilhelm Braumüller, 1869), 218.]

Reviews

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (December 4, 1823): 579-580.

Moscheles

gab am 29. November abends im k. k. Hofoperntheater nächst dem Kärnthnerthor sein zweytes Concert vor einem sehr zahlreich versammelten Publikum, und wo möglich, noch mit gestelgertem Beyfalle.

Moscheles kennt Wien, die Menge von Virtuosen und ausgezeichneten Dilletanten auf dem Claviere allhier, die Wirkung, welche oft Entsernung auf eine vergeßliche und veränderliche Menge machen, dann wieder die Wirkung, welche auf die Anzahl der Unterrichteten vielleicht die ruhmvollen Berichte über sein Spiel aus Amsterdam, Paris und London zu gesteigerten Erwartungen konnten hervorgebracht haben; dies alles mußte Einfluß auf das Gemüth unsers trefflichen Virtuosen haben, mußte ihn belangen machen. Dennoch spielte er jüngst so, daß er nur von sich selbst übertroffen werden konnte; heute hat er sich übertroffen.

Wenn man sagt: Moscheles hat sich heute selbst übertroffen, so ist dies reine Wahrheit, nichts weniger als eine Flostel. Schon die Composition seines heute gespielten Concertes aus G-mol, gab ihm eine noch weit schwierigere Aufgabe, denn wer dieses Concert nur sieht, der wird es nicht für moglich halten, daß es rein gespielt werden könne, und in dem Tempo, wie wir es von den Compositeure hörten, in dieser Vollkommenheit, Präcision, Eleganz und mit diesem schönen, seelenvollen, auf den größten Schwierigkeiten mir Leichtigkeit und Sicherheit schwebenden Vortrage, kann man dieses Concert nur von Moscheles hören.

Der einmüthige, rauschende Beyfall iun seinem ersten Concerte gab dem Künstler seine volle Freyheit und Unbefangenheit, die ungehinderte Wirksamkeit seines Genius für heute; sein Spiel gewann durch diesen Umstand an Wärmer, Fährung und Reichthum, an Schattirung, welchen Zumachs Tener für unmöglich halten wird, der ihn nur das erste Wahl hörte, da er damahls schon das höchste geleistet zu haben schien.

Das G-mol-Concert ist eine ernste, edle Composition, in der Stunde der Weihe empfangen, mit vollendeter Ausrüstung consequent gearbeitet, wie aus einem Gusse geschaffen, abgerundet, schimmernd und strahlend in den überraschendsten Bravouren. Bewundern, staunen muß man über den Meister, der sich in Oktaven mit beyden Händen mit eben der Leichitkeit bewegt, als ob er mit einer Hand halbe Noten vortrüge. Hier hörman Octaven-Passagen von der wundervollsten Construktion in den kleinsten Noten mit Blitzesschnelle dahin fliegen, und den Ohr entgeht nicht der kleinste Ton! Das ist unerhörte Bravour, die man mit eigenem Sinne vernehmen muß, um einen Begriss davon zu bekommen, und in dem Vortrage solcher Stellen, zeight sich bey Moscheles die delikateste, mannigfaltigste Nuancirung und Deklamation! Noch ein Wahl sey es gesagt: man muß dieses Concert von Moscheles gehört haben, um es zu kennen, nur durch ihn kann dieser Genuß verschafft werden.

Er spielte heute drey Wahl. Das zweyte Wahl die Variationen über das Thema: au clair de la lune, und sodann eine freye Fantasie.

Wir haben schon feüher diese Variationen hier in Wien recht brav gehört, und mußten heute sehr erstaunnt seyn, da wir ein ganz anders Tonstück zu vernehmen glaubten! So müssen diese Variationen gespielt werden, wenn sie ihre volle Wirkung machen sollen, aber wer kann sie wieder so spielen!

Die freye Fantasie bewegte sich um ein Beethovisches und um ein Mozartliches Thema in den lieblichsten und interessantesten Verschlingungen. Hier war es wieder zu bemerken, wie frey und ungehindert der Geist und das Gemüth des trefflichen Künstlers heute wirkte. Er verknüpfte die Themata in den schönsten Formen, und ließ dabey seiner klassischen Virtuosität ungehemmten Lauf. Der strengste Kenner, welcher das Trefflichste dieser Art gehörte hatte, mußte entzückt seyn.

Dem unübertrefflichen Künstler wurde allgemeiner, enthusiasticher Beyfall zu Theil. Nach jedem Solo des Concertes, nach jeder Variation unterbrach ihn derselbe, nach jeder Nummer seines Spieles wurde er zwey Mahl gerufen. Das ganze musikalische Wien freut sich auf sein nächstes Concert.

Die Kunst würdigende Direktion war beflißen, diesen Abend recht genußretch zu machen. Die schöne Ouverture aus „Lodoiska“ von Cherubini wurde brav gegeben; das Orchester war aufmerksam, und die Blas-Instrumente intonirten ziemlich rein, was besonders bey den Blech-Instrumenten seit geraumer Zeit nicht immer der Fall ist. Die Herren Haizinger und Seipelt sangen sehr gut ein Duett von Rossini; aber Dem. Sonntag sang eine Rossinische Arie mit ungemeiner Vollendung, Nettigkeit und Lieblichkeit. Es ist unglaublich in welchem Grade sich diese junge Sängerinn seit ihrem Hierseyn vervollkommte. Man kann nichts sehnlicher wünschen, als daß sie nicht ermatte. Das folgende Ballett hatte einen schweren Stand; es konnte nur Terpsichorens Feinschmecker nach solchen Genüssen interessiren.                                                   Th.

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (December 6, 1823): 579-580.

Dem 29. Burght. „das hotel von Wiburg.“ Kärnth. Des ausgezeichnete, ja außerordentliche Beyfall, mit welchem Hr. Moscheles vor einigen Tagen in einer musikalischen Akademie als Virtuose auf dem Pianoforte begrüßt wurde, hatte die Administration dieses Theaters bewogen, diesen Genuß dem Kunstliebenden Publikum mehrmahls zu verschaffen, und so hörten wir an diesem Tage abermahls den geseyerten Meister in einem neuen Concerte (in G-mol) von eigener Composition; in Variationen über das französische Lied: Au clair de la Lune, ebenfalls von ihm gefeßt und in einer freyen Fantasie zu unserer lebhastesten Bewunderung, welche ihm auch durch wiederholtes Hervorrufen rauschend zu erkennen gegeben wurde. (Bey dieser Gelegenheit kann angeführt werden. Daß das herrliche Instrument, auf welchem Herr Moscheles spielt, von dem rühmlich bekannten Claviermacher, Leschen, ist.) Zur Abwechslung hat man ein Duett aus der Oper: „die Italienerinn in Algier“: recht kunstgewandt von Herrn Haißinger und Seipelt gesungen, und eine Arie mit Chor von Rossini angeordnet; welche leßtere Dem. Sonntag mit so vieler Leiblichkeit und Bravour vortrug, daß sie ebenfalls wiederholt gerufen wurde. Diese allerdings schöne und dankbare Arie scheint nicht ein Werk Rossini’s, sondern, wenn ich nicht irre, Pacini’s zu seyn, die am Schluße, wahrscheinlich vom Cavaliere Galiotti mit den brillanten Variationen ausgestatter wurde. Auf diese Akademie folgte das Ballett: „der neue Narciß“ An der Wien: „der Leopard und der Hund.“ Leopold ft. „die Zauberschere,“und „die schlimme Lifel.“ Joseph ft. „die Müllerinn, oder: die Launen der Liebe.“ Allerdings dürfte man den Versuch, diese Oper auf dieser Bühne aufführen zu wollen, etwas gewagt nennen, indessen müssen wir doch wenigstens dem Direktor, Hrn. Hensler, für seinen guten Willen, unser Compliment machen. Die nach den absoluten Leistungen ihren Maßstab richtende Kritik konnte viel von der Aufführung dieser herrlichen Tondichtung Paisello’s Referent aber muß sich nur mit flüchtigen Daten begnügen. Die Hauptrolle war der fleißigen Dem. Heckermann überlassen, die alles aufboth um gewissen unangenehmen Parallellen mit einer früher in diesem Glanzstücke aufgetretenen Künstlerinn auszuweichen. Ihre Stimme hat wirklich viel Metall und Biegsamkeit, und wir wünschen daher mit Recht, daß sie, um als vollkommen ausgebildete Sängerinn auftreten zu können, mehr Sorgfalt auf die Kundung und Freyheit ihres Spiels verwenden möchte. Unter den übrigen Mitwirkenden fanden wir keinen als der liebenswürdigen mit vieler Feinheit und Zartheit sich bewegenden Dem. Sutorius d. j. einer rühmlichen Erwähnung werth. Hr. Hopp, war heute ein Wenig eckig und bleyern. Beyläufig gesagt, möge dieser Komiker, welcher an und für sich eine reiche komische Ader besißt, doch dem Zujauchzen eines Gallerienpublikums nicht zu viel Competenz zutrauen! Das Orchester unter der Leitung des sachkundigen Hrn. Gläser zeichnete sich durch ziemliche Correktheit aus….S. S.

Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (December 6, 1823): 1207-1208.

Den 29. November im k. k. Hoftheater am Kärnthnerthor, erfreute Herr Moscheles zum zweiten Male nach seiner Zurückkunft, das zahlreich versammelte Auditorium durch seine Virtuosität. Nach der Ouvertüre von Cherubini (aus Lodoiska) trug der Tonkünstler ein neues Concert in G-moll von seiner eignen Composition vor. Es würde Unkenntnis verrathen, und zugleich überflüssig seyn, die einzelnen Vorzüge des kunstvollen Spiels dieses Virtuosen noch erwähnen zu wollen. Nicht nur die Kunstfreunde der Kaiserstadt und der Monarchie, sondern man darf sagen, das musikalische Europa ist von seinem Lob erfüllt; in England und Frankreich wird seine Meisterschaft auf dem Pianoforte eben so gerecht, wie hier, gewürdigt. Wenn die vorzüglichsten jetzt lebenden Meister auf diesem Instrument genannt werden: Krämer und Hummel—oder welchen andern man einem dieser beyden Substituiren will—so ist J. Moscheles der dritte in dem Künstlerbund. Wir hatten Gelegenheit, mit einem Kunstverehrer zu reden, während der Tonkünstler die versammelten Zuhörer durch sein großartiges Spiel zur Bewunderung hinrist, der ihn in London gehört hotte, und versicherte, daß die Engländer diesen Meister mit gleichem Enthusiasmus aufgenommen haben. Nicht die außerordentliche Geläufigkeit, die bewundernswürdige Fingerfertigkeit, die Besiegung der größten Schwierigkeiten, mit einem Wort, nicht die technische Meisterschaft ist es, die in dem Spiel dieses Tonkünstler zunächst die Aufmerksamkeit fesselt. Es ist vielmehr der Charakter, die Gediegenheit, der Geist des Vortrags, durch welche die Bewunderung der Zuhörer immerfort gesteigert werden. Kunstverständige behaupten, daß, auf welcher Stufe der Tonkünstler auch vorher gestanden, eh’ er Wien verließ, er dennoch während dieser Zeit höher sich hinaufgeschwungen habe. Und warum sollte der Genius, den eine solche Meisterschaft bekundet, einen Stillstandspunct haben, da die Kunst selbst nur aus niederm Boden, wo sie mit andern Künsten in Berührung kommt, nicht aber in den höhern Regionen ihrer freyen Wirksamkeit, eine Grenze anerkennt? Man kann die eigenthümliche Art und Weise des Anschlags, kraft dessen jeder Ton, der stärkste, wie der schwächste, der tiefste, wie der höchste, lieblich und gerundet sich zum lebendigen Wort gestaltet, ein besonderes Talent nennen, das in den Fingerspitzen wohnt. Jeder Periode wird zum Bild, alle reihen sich gefällig an einander, und vor der Seele des Zuhörers entfaltet sich ein Tongemälde, worin alle Züge und Parthien mit den angemessensten Farben prangen, durch die richtigste Vertheillung der Schatten und der Lichter ein Totaleffect hervorgebracht wird. Auch dem Auch dem Layen in der Kunst scheint alles einleuchtend, faßlich und verständlich, weil sich alles in anschaulicher Klarheit entwickelt. Nirgends verräth sich eine Anstrengung, kein rauher oder Karier Ton schleicht sich in das harmonische Gebild, selbst dann nicht, wenn die Lösung der schwierigsten Aufgabe, im raschesten Tempo, den höchsten Kraftaufwand erfordert.—Dieses waren ungefähr die Hauptgedanken und Empfindungen, die durch den Vortrag des Concerts, das sich durch glückliche Ideen und geschmackvolle Ausführung empfahl, in uns angeregt wurden.

Nach diesem wurde ein Duett aus der Italiänerinn in Algier von den Herren Heitzinger und Seipelt gesungen.

Die hierauf folgenden Variationen über das beliebte französische Lied: Au clair de la lune, componirt und vorgetragen vom Herrn I. Moscheles, zeichneten sich durch eine große Originalität des Vortrags aus, und jede steigerte vielfach den immer regen Beyfall.

Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode (December 9, 1823): 1215.

Den 29. November im k. k. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthore. Concert des Herrn Moscheles.

(Schluß.)

Mlle. Sonntag sang eine Arie mit Begleitung des Chors, von Rossini, mit wahrer Meisterschaft und um alles mit wenigen Worten auszudrücken, als ein würdiges Seitenstück zu den Leistungen des Tonkünstlers.

In der freyen Phantasie auf dem Fortepiano, die Herr Moscheles zum Schluß gab, war es angenehm durch ein darin vorkommendes Motiv an einen andern Virtuosen auf demselben Instrument, den größten seiner Zeit, und zugleich den größten Tonsetzer Vielleicht aller Zeiten, erinnert zu werden. Ist es nöthig, seinen Namen noch zu nennen? Das Motiv aber bestand in dem Thema des Duetts: „Vivat Bacchus!“

Allgemeine musikalische Zeitung mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat (December 13, 1823): 793-795.

K. K. Hof-Theater nächst dem Kärnthner-Thore.

Herr Moscheles hat sich bereits zum Zweytem Mahle in diesem Theater bey vollem Hause auf dem Fortepiano hören lassen. Die Ouverture aus Cherubini’s Lodoiska wurde vom Orchester mit vielem Feuer und Ausdruck vorgetragen, und als eine dem Publicum sehr wohl bekannte, schöne Erscheinung freundlich aufgenommen.

Das neue Concert in G-moll, welches uns Herr Moscheles nun zum ersten Mahle vortrug, erregte durch seine gehaltvolle und künstliche Bearbeitung das Interesse aller Kunstkenner in noch höherem Grade, als das erste, welches er uns hören liess. Herr Moscheles tritt darin als Tonsetzer mit sehr viel Gewandtheit in der Kunst des Instrumentirens auf, und zeigt, dass er in dem organischen Bau eines solchen Instrumentalstücks nicht allein mit kennt missreicher Gewandtheit, sondern auch mit viel Geschmack sich zu bewegen weiss. Sein blasendes Orchester führt auf eine sehr delicate Weise die Schattirungen des Halbdunkels aus, und verfolgt in schönem Wechsel den brillanten Schwung der Clavierpassagen, um sie zu schöner Einheit zu verbinden.

Sein Spiel nahm die Theilnahme des Publicums auf die glänzendste Weise in Anspruch. Man sieht immer mehr, welche Rundung das Spiel dieses wirklichen Virtuosen während der Zeit seiner Abwesenheit erlangt, und die gute Einwirkung, welche das öffentliche Auftreten eines Virtuosen vor den grössten Meistern fremder kunstreicher Länder auf seine Vervollkommnung äussern muss, springt bey Herrn Moscheles dem unpartheyischen Kenner besonders lebhaft in die Angen.

Seine kunstgeübte Hand entlockt in der That dem Fortepiano Töne, welche das Ohr überraschen und im Gemüthe des Zuhörers mit einer Macht des Gesanges wiederklingen, welche heym Fortepiano-Spiel eine seltene Erscheinung ist. Der Künstler hatte auch diessmahl ein Fortepiano von Leschen in Wien gewählt, und dadurch deutlich seine Vorliebe für die Instrumente dieses Meisters zu erkennen gegeben. Ohnerachtet derselbe an diesem Abende zu drey verschiedenen Mahlen, nähmlich in dem schweren und brillanten Concerte, dann in sehr geschmackvollen Variationen, und zuletzt in einer Phantasie sich disses Instruments bediente, so veränderte es doch seine Stimmung nicht, sondern diente dem Meister in seinen ausserordentlich raffinirten, die höchste Fingerfertigkeit sowohl als den zartesten Ausdruck mit dem stärksten Forte zeigenden Passagen, auf das Vollkommenste. Der Beyfall war stürmisch.

Nach dem Concerte sangen Herr Haizinger und Herr Seipelt ein Duett mit kunstvollem Vortrage, und empfingen Beyfallsbezeugungen.

Die Variationen über das Thema: „Au clair de la Lune,“ welche hierauf Herr Moscheles spielte, sprachen die Gesammtheit des Publicums auf die glänzendste Weise an, und wurden mit enthusiastischem Beyfalle ausgenommen. Neuheit der Figuren, ein überraschender Wechsel in der vielgliedrigen Natur derselben, und ein höchst kühner Vortrag zeichneten dieses Tonstück und seinen trefflichen Declamator auf dem Fortepiano aus.

Dlle. Sonntag sang nun als Intermezzo eine Arie, und zwar wie wir glauben, die nähmliche, welche sie am Abende des Concerts für die Wohlthätig keits-Anstalten sang, mit einer ausserordentlichen Virtuosität und besonderer Grazie im Vortrag. Der Beyfall des gesammten Auditoriums zeigt, wie hoch diese Sängerin sich in der Gunst des Publicums zu erhalten weiss. Die Fantasie, mit welcher Herr Moscheles das Concert schloss, war eine höchst kunstvolle Paraphrase über ein Thema von Beethoven und ein Thema von Mozart. Die bedeutungsvolle Zusammenstellung dieser beyden über allen Zeitgeschmack erhabenen Geister macht dem Virtuosen Ehre, und zeigt seinen frommen Tact in der Art, dem Geschmacke des Publicums zu begegnen. Seine Finger entlockten dem schönen wohlklingenden und präcisen Instrumente mit zauberischer Gewandtheit die anmuthigsten Töne, deren schöne Verbindung zu interessanten Ideen nicht allein den Kenner hoch erfreute, sondern auch die staunende Menge in Verwunderung setzte.

Das dritte Concert werden wir im nächsten Blatte anzuzeigen uns beeilen.

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt (December 13, 1823): 596.

Wir leben jetzt in einer Zeit, wo diese außerordentlich wechsseln, und suchen uns in ihrem Genusse für die Unannehmlichkeitten des Winters zu entschädigen. Unter andern Begebenheiten, welche die Zungen aller Kunstkenner oder Kunstpsuscher—was eigentlich einerley ist—auf die leidenschaftlichste Art beschäftigen, müssen wir das zweyte Concert des Virtuosen Moscheles an führen. Er gab dasselbe bey vollem Haufe im k. k. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthore, und ließ sich an dem Abende drey mahl hören.

Zuerst spielte er ein neues Concert, in welchem die Entwickelung vieler Schwierigkeiten seiner Virtuosität viele Gelegenheit zu glänzen gab, und in dem sein schönes Spiel sowohl als seine Gewandtheit im Instrumentieren sich deutlich beurkundete. Der Beyfall des Publicums lohnte den Künstler reichlich für seine Anstrengung.

Nach ihm erschienen die H. H. Haitzinger und Seipelt, welche ein Duett mit viel Beyfall vortrugen. Die Variationen über das Thema: „Au clair de la Lune” von Moscheles zeigten den Geschmack des Tonsetzers sowohl, als die größte Fertigkeit seiner Finger. Den meisten Beyfall erhielt dieß Tonstück, denn ein Charakter war allgemein ansprechend.

Dlle. Sontag glänzte hierauf in einer Arie und eroberte durch ihren schönen Gesang alle Herzen, wenn es möglich wäre, so etwas zum zweiten Mahle zu thun. Die Fantasie des Hrn. Moscheles über ein Thema von Beethoven und ein Thema von Mozart machte den Beschluß, und man kann in der That sagen, daß diese Fantasie dem Spieler noch viel besser gelungen ist, als die am ersten Abende feines Concerts. Die Ideen waren mit noch mehr Erfindungsgeist zu einem schönen Ganzen gebracht, und die eingemischten Kunstfiguren, welche feiner künstlichen Hand Triumph vollenden halfen, zeugten von Geschmack. Der Künstler spielte auch dießmahl ein Instrument von Le fahren in Wien, welches ihm so wie bey feinem ersten Concerte mit außerordentlicher Besreitwilligkeit und Präcision feine Staunen erregenden Passagen, Trillerketten und Cadenzen ausführen half. Zu bewundern war, daß dieß Instrument, nach dreymahligem Gebrauche in den schwersten Tonstücken, in denen das bravourmäßige Forte des Spielers nicht selten mit den zartesten Piano wechselte, dennoch immer gleiche Stimmung hielt, und keine Saite nachgab. Der Ton trat schön und wohlklingend aus der reichen, besonders im blasenden Orchester nicht sparsamen Instrumentierung hervor und jede Periode er schien in schöner Deutlichkeit.

Allgemeine musikalische Zeitung (December 24, 1823): 866

[Wien, November] Am 29sten: im Kärnthnerthor-Theater hörten wir zum zweytenmal von Hrn. Moscheles: a) ein neues Concert in G moll; b) Variationen über das Lied: au clair de lune, und: c) eine freye Phantasie. Der Beyfall glich einem Orkane.

Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz (January 16, 1824): 44.

Der berühmte Clavierspieler Moscheles, welcher in Paris und London neulich Ehre und Geld so reichlich erworben, gab drei musikalische Akademieen bei stets vollen Häusern und mit ungetheiltem Beifall. An Präcision, Nettigkeit, Kühnheit und Glanz des Spiels wird nicht leicht einer der Lebenden ihn übertreffen; mir aber sey es erlaubt, was Ausdruck, Gemüth und Phantasie betrifft, Hummel für weit bedeutender zu halten, wenn er Jenem auch an obenberührten Eigenschaften weit nachsteht. Beide können und werden sehr gut neben einander bestehen und Jeder für einen vorzüglichen Künstler überall angesehen werden.

…Redakteur und Herausgeber: F. W. Gubit.

Wiener allgemeine musikalische Zeitung, mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat (March 6, 1824): 9-11

Wiener-Neuigkeiten.

Moscheles trat nach langer Abwesenheit, zum ersten Mahle wieder im Theater nächst dem Kärnthnerchore, als Compositeur und Klavierspieler auf. Seine Fortschritte im Tonsatz, und die reifere Gediegenheit seines Styls beurkundete er sattsam vor der auserwählten Zahl der Kenner, doch wollte das große Publikum immer noch nicht in den Beifalssturm gerathen, mit welchem es sein ganz frühes, aber sehr brillantes Bravour-Stück, die Alexandervariationen, die ihm eigentlich seinen ersten Namen gaben, ausgenommen hatte. Sein Virtuosentalent wurde von der Menge in weit höherem Grade anerkannt, und seine Präcision, Leichtigkeit und Grazie des Spiels, besonders aber sein oft furieuses Tempo mit großem, allgemeinen Applaus beehrt.

Moscheles spielte mehrere Mahle im Kärnthnerthor-Theater, und füllte, das Haus mit Zuhörern aus allen Ständen. Seine Compositionen waren von tieferem in Inhalt halt Inhalt als seine früheren Arbeiten, interessirten den Kenner durch besondere harmonische Schönheiten, und nicht selten durch eine glänzende Instrumentirung, und sein Spiel trat immer auf eine höchst brillante Art daraus hervor. Wie gesagt, auf die große Menge machte jedoch sein Vortrag größeren Effect als seine Compositionen. Im Grunde kann ja diese auch nur durch zweierlei Tactarten sicher ergriffen werden, wenn man nehmlich den Tonkinn in den Füßen sucht, und diese entweder in Marsch setzt, oder in den Dreivierteltact wiegt.

Die außerordentliche Sicherheit seines Anschlags, die Nettigkeit und seine Ausarbeitung seiner Figuren, die  Sprungfederkraft in seinen Trillerketten, die gute Bildung des Tons—er spielte jedesmal auf einem Fortepiano  von Leschen, nur einmal phantasirte er auf einem englischen ­ Instrumente, aber mit wenigem Glück—der schöne Wechsel seines Piano und Forte, und die flüchtige Schnellkraft seiner beiden gleich gebildeten Hände im rapiden Tempo, dieß sind Vorzüge, welche ihm stets unter den ersten Meistern im Fortepiano-Spiel seinen Rang  sichern werden.

Er gab uns einige freie Phantasien, in denen er geichsam ein kleines musikalisches Panorama von den jetzt florirenden Allerwelt-Melodien Aller Schulen aufstellte, zugleich brachte er das jedem Österreicher theuere Volks Volkslied ­ „Gott erhalte Franz den Kaiser“ auf eine sinnige Weise in seinen Ideengang.

Der Beifall muchs mit seinem öfteren Auftreten, und er hatte gewöhnlich die ehrenvolle Mühe, nach dem Abtreten noch einmal vor dem applaudirenden Publikum zu erscheinen. Unter denen, welche in solchen Akademien neben ihm mit gleichem Ruhme sich hören ließen, verdient der Wiener Paganini, unser trefflicher Mayseder ganz besondere Erwähnung. Er riß alle Herzen durch sein Meisterspiel auf der Violine dahin, und der Beifall, der bei Moscheles laut war, wurde zu einem brausenden Sturme, in dem der froheste Enthusiasmus sich unaufhaltsam aussprach. Minerva warf des üblen Anstandeshalber die Flöte weg, wenn sie aber Mayseder auf der Geige gehört ­hätte, wer weiß, ob sie nicht ihr ernstes Kinn auf das Ledernholz gedrückt, und den Dogen ergriffen hätte.

Moscheles wollte bald wieder nach England, um die Gewalt der Mutationen wieder auf John Bull spielen zu lassen, deßhalb beschleunigte er seine Concerte, und doch immer im nehmlichen Theater noch einige Mahle unter der auf der Annonce stehenden Drohung: „zum letzten Mahle“ den Wienern noch einen harmonischen harmonischen Schmauß.

Er machte in Wien gute Geschäfte, und erneuerte das Andenken in den Herzen seiner Landsleute. Seine Stellung in London läßt erwarten, daß er sich durch seine Virtuosität ein schönes sorgenfreies Loos bereitet, und daß sein Glück noch manchen Zuwachs erhalten werde.

Doch gibt es nicht leicht einen Virtuosen, der jeden Tastenanschlag mit so berechneter Umsicht zum Capital, und wieder zu den Interessen zu schlagen versteht, als Moscheles. Ihm ist Glück zu wünschen, denn energische Anstrengungen verdienen wirklichen Lohn, besonders aber erringen ­sie ihn in einem Kunstzweige, deßen glückliche Ausübung­ beim Zuhören selbst den fühllosesten Materialisten glauben macht, er besitze so viel Zartheit des Gefühls als jener — der Spielende — Zartheit des Ausdrucks.

Mit Recht verdienen auch die Virtuosen, daß das Schicksal ihnen noch bei Lebzeiten einige vergoldete Lorbern spendet, denn ihr schönes Streben, ihr muthiges Kämpfen, ihr unermüdetes Ringen—nach Präcision, nach Fertigkeit, nach Schnellkraft, nach Leichtigkeit, nach Agilität, ­nach Bravour und—Grazie xc.: sinkt leider dahin mit ihrer sterblichen Hülle, und läßt keinen Laut nach, weil immer wieder ein neuer Furioso auf des Verblichenen ­Schultern steigt. Wer zaubert uns die reizenden Töne noch vor unser Ohr, wenn der Arm oder die Lungenkraft des Meisters vom Tode gelähmt ist? Unsre Phantasie ist zu schwach, und zu reizbar für neue Erscheinungen Moscheles scheint auch, trotz seines fest im Auge gehaltenen Zieles, ­doch ernstlich die schwache Seite der Sterblichkeit, welche jedem auf Ausübung beschränkten Virtuosentalente bevorsteht, zu fühlen, und sucht deshalb durch ernstes Fortschreiten im Gebiethe der musikalischen Schöpfung der Nachwelt ­in gediegenen Werken ein bleibendes Andenken zu hin blassen, und eben dieser ernsten und ununterbrochenen Kraftanstrengung wegen verdient er unsre aufrichtige Anerkennung als ein wackerer Künstler.

Man hat ihn von München aus in öffentlichen Blättern, ­wegen eines Zusatzarrikels zu seiner Charte, mit welchem er sein Concert durch die Worte, „nach seiner  Zurückkunst von London und Paris“ verstärkend ­ankündigte, hart mitgenommen, aber aufrichtig gesprochen: C’est tout, comme chez nous!—

In unsrer Zeit heben die angehenden Musikkünstler schon die ersten Pfennige, welche sie für ihr Opus Nr. 1, von einem barmherzigen Musikverleger heraus drucken, sorgfältig auf, um die Kupferstecher-Kosten für  ihr herauszugebendes Portrait sobald als möglich zu bestreiten, ­um doch wenigstens in der musikalischen Welt dadurch Aufsehen zu machen, daß sie in Kupfer gestochen wurden.

In der That, wenn es so viel Akademien geben müßte, als es Profeßoren in allen Branchen der Musik gibt, die Welt würde nicht Raum dazu haben. Es dürfte aber nur einmal ein mit der italienischen Sprache Vertrauter ­ den Schleier lüften, mit welchem feit einiger Zeit der in Italien übliche und nach Deutschland transponirte Ausdruck „Professore di musica” bedeckt war, und sagen, daß die Italiener Ließ in einem weit bescheidneren Sinne, nehmlich ganz im Sinne einer Profeßion, eines Handwerks verstehen, und es würden bald mehrere Vacanzen in solchen sich selbst ertheilten Professur-Denominationen entstehen. Wir tadeln hiermit gar nicht die, welche mit Recht und in ihrer Pflicht diesen Titel führen. Vom Mißbrauch ist die Rede. Zu verwundern ist immer, daß noch kein musikalischer Cromwell ausstand, und sich aus eigener Macht d. h. so ganz allmählig, per praescriptionem regulärem, oder irregulärem, den Doktorhut aufsetze.

Warum hat das edle Erfurt, das doch in der Welt Weltweisheit ­ schon so manches Auge zudrückte, und die Zahl der Philosophen auf unserer Erdkugel in infinitum vermehrte, nicht auch schon lange hierin einen delphischen Dreifuß errichtet, von dem aus jeder Unbefangene für dreißig Thaler erfahren kann, daß er die Musik wie ein Doktor inne habe, so wie man erfährt, daß man die Weltweisheit aus dem Fundamente verstehe, weil man zu ihrem Doktor creirt ist. Dies beiläufig, aber bei der ersten Nachricht ­ von einem Profeßor der Balgentrekerkunst ein Mehreres.

Während Moscheles abreisen wollte, kam Kalkbrenner, oder—während Kalkbrenner kam, reiste Moscheles ab. Gleichviel! denn zwei solche Sterne können an einem und demselben Horizonte nicht neben einander stehn! Moscheles reiste nach Prag ab, um dort sich hören zu laßen, wurde aber von einer schweren Krankheit über überfallen. ­

Kalkbrenner trat nur einmal öffentlich, und zwar ebenfalls mit ungeheurem Beifalle—als Virtuos auf. Die Ursache seiner schnellen Abreise war die Krankheit von Moscheles, denn beide waren für die Concerte in London engagirt, und da Moscheles nun nicht erscheinen konnte, so mußte Wien mit Bedauern den großen Virtuosen abreisen sehen, im Augenblicke als sein Spiel aller Aufmerksamkeit erregt hatte.

22 November 1823

Ignaz Moscheles’ First Concert

Vienna: Kaiserliches und Königliches Hoftheater zu Wien

Programme  

Symphony No.2 in D major Beethoven 
Piano Concerto No.4 in E majorMr. MoschelesMoscheles 
From Semiramide: AriaMlle UngerRossini 
Free Piano Fantasia, incl. a theme from Rossini’s La gazza ladra and Weber’s Hunters’ ChorusMr. Moscheles  
Principal Instrumentalists: Mr. Moscheles
d

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Programme Notes: The piano brand was Leschen.

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Charlotte: ‘The success of the first concert which Moscheles gave after his return to Vienna raised his spirits once more to the old level, although he was not free from bodily suffering’.

RMM, 58.

Eduard Hanslick: ‚Er that dies in den Jahren 1823 und 1824 nach der damals beliebten Gepflogenheit, im Kärntnerthor-Theater in den Zwischenacten oder vor dem Ballet. Ein Concert eigener Composition, der „Alexandermarsch“ und zum Schluß eine freie Phantasie, bildeten die Hauptbestandtheile dieser Concerte‘.

[Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesen in Wien (Wien: Wilhelm Braumüller, 1869), 218.]

Advertosements

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (November 18, 1823): 552.

Hr. Moscheles, der Clavierbezwinger, ist in den Mauern Wiens, viele wollen wissen, er werde kein Conzert geben, wir glauben unsern Lesern die angenehme Hoffnung mittheilen zu können, ihn ja öffentlich zu hören. Dieser erste Virtuose dieses Instrumentes wartet nur das Vorübergehen einer kleinen Unpäßlichkeit ab, um sich den kunstsinnigen Bewohnern Wiens hören zu lassen.

Allgemeine musikalische Zeitung mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat (November 19, 1823): 744.

Freytag den 21. wird Herr Moscheles, nach seiner Zurückkunst von London, sich im Kärnthnerthor-Theater zum ersten Mahl zu produciren die Ehre haben.                                    d. R.

Reviews

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (November 27, 1823): 567.

Moscheles

erfreute am 22. November Abends im k. k. Hof-Opern-Theater alle Musikfreunde mit seinem ersten Concerte auf das innigste. Er spielte zwey Wahl; zuerst ein neues Concert, E-dur, von seiner Composition, sodann eine freye Fantasie.

Vor seiner Abreise nach Paris und London erkannten alle Kunstkenner, welche Gelegenheit hatten Jeden zu hören, ein Triumvirat der klassischen Clavier-Virtuosen unser Zeit: Hummel, Field, Moscheles. Schon damahls konnte man sich kein kühneres, präciseres und imponirenderes Pianoforte-Spiel denken; allein jeder Einsichtsvolle, welcher Moscheles heute hörte, wird bestätigen, daß sich dieser unübertreffliche Künstler seit damahls unendlich gesteigert hat.

Moscheles repräsentirt das non plus ultra des Pianisten, denn ein höherer Grad von Bravour, verbunden mit dieser Zartheit, Eleganz und Gediegenheit ist nicht denkbar. Er hat es dahin gebracht, daß man jede, auch die kleinste Note deutlich vernimmt, wenn er wie ein mächtiger Orkan brausend dahinstürmt und eben so, wenn sein Spiel wie Geisterhauch verschwebt. Er ist im Stande im Vortrage der schwierigsten Passagen mit der zartesten Nuancirung der richtigsten Deklamation zu glänzen und dem Pianoforte Farben-Tinten abzunöthigen, deren dieses Instrument gar nicht fähig zu seyn schien. Unter seinen zauberischen Fingern verwandeln sich die Tasten in vielgestattete Organe empfindender Wesen, welche alle Leidenschaften einer bald auf das heftigste bewegten Brust, bald eines sanst gerührten weichen herzens aussprechen; wie in dem vollstimmigsten Tongewühle, so im Vortrage des einsachsten Gesanges hat sich dieser wunderbare Künstler den edelsten Styl angeeignet, durch einen unbegreiflichen Anschlag verstreht er jede Chorde des widerstrebenden Mechanism dieses Instrumentes, der bey der Accentuirung jeder Note sonst die Seele zu einem weiten Umwege nöthigt, um bis zur Herzens-Kammer des fühlenden Zuhörers zu gelangen, in eine rührende Menschenstimme zu verwandeln.

Im Vortrage des wunderschönen, edel gehaltenen interessanten und kunstrichtig durchgeführten Concertes glaubten die entzückten Zuhörer alle Tiefen der Kunst erschöpft, ihr Vergnügen keiner Steigerung fähig, das Concert wurde öfter vom rauschendsten Beyfal unterbrochen, der Künstler nach demselben zwey Mahl gerufen. Allein das für unmöglich gehaltene geschah; noch überraschendere Passagen, noch kühnere Behandlung des Instrumentes, noch mannigfaltigere  Nuancirung machten diese freye Fantasie, in welcher unser Zauberer ein Rossini’sches und ein Weber’sches Thema in der reichsten Mannigfaltigkeit und in dem üppigsten Farbenglanze durchführte und in einander verflocht, zum höchsten Genusse. Der Beyfalls-Sturm nöthigte den bescheidenen Künstler abermahls zwey Mahl zu erscheinen.

Wer heute Moscheles gehört hat, dem bleibt rücksichtlich des Pianoforte-Spieles gewiß nur der Wunsch, ihn noch ein Wahl und so oft als möglich zu hören. Wien, der Siß und die Wiege des glänzendsten Pianoforte-Spieles, kann seinen Zögling und Meister am besten ehren, da er wohl nirgend so viel Kenner seines Spieles in einem Saal versammeln Kann, welche im Stande sind ihn vollkommen zu würdigen und zu verstehen.

Es gibt wohl nichts Widerlicheres, als die Bemühung, einen Kunst-heros solcher Größe durch Anmerkungen über die Annonce seines Concertes tadeln zu wollen, wie es durch den Münchner-Referenken in Nr. 140 dieser Blätter geschah. Ob Moscheles in München auf der Durch reise oder hin eise durch sein Spiel entzückte, ist demjenigen, welcher ihn dort hörte, wohl ganz gleichgültig, er hat ihn gehört und ist beglückt; wie man aber die Worte Moscheles und Charlatanerie zusammenstellen kann, wird ein jeder wahre Kunstfreund sich nur auf eine gewisse Art erklären können.                                                                                                                                  —g—.

Allgemeine Theaterzeitung und Unterhaltungsblatt für Freunde der Kunst, Literatur und des geselligen Lebens (November 29, 1823): 571.

Musik.

Noch etwas über das erste Concert des Herrn I. Moscheles.

Die außerordentliche zur höchsten Potenz gespannte Neugierde, mit welcher dieser Virtuose, der sich während seiner letzten Kunstreise in den bedeutendsten Musenhainen Süddeutschlands, Frankreichs und Englands, die schönsten und reichsten Lorbeerkränze gepflückt, von einem zu bleichen und kunstverständigen Auditorium erwartet wurde, kann sich nur derjenige erklären, der mit dem bohen Grade der Ausbildung, auf welchen sich in Wien die Instrumental-Musik geschwungen, nur etwas vertraut ist. Denn es wird wahr ich nicht minder große Virtuosität als ein sicheres klares Bewußt, seyn seines eminenten Talentes erfordert, um nach den Leistungen unserer Klavier-Coriphäen, mtt etwas Vollendeterem und Glänzenderem auftreten zu wollen.

Mit imposanter Würde wurde Nr. 1 das erste Stück der Symphonie in D dur von dem Großmeister Beethoven mit all jenem Seelenausdrucke und jenem klassischen Vortrage executirt, wie man es von der Vortrefflichkeit unseres in Deutschland einzigen Hoftheater-Orchesters nur erwarten konnte. Die melodische Grundidee schwebte auf den harmonischen Maßen, wie der erhabene Weltgeist auf den unendlichen Flutben, und ihre farbigen Strahlenbrechungen lösten das von tödtenden Einerley zur Marmorsäule erstarrte Gemüth in mitttönenden nur dem innern Ohre vernehmbaren Mennonsklöngen auf. Nach Beendigung desselben trat unter allgemeinem Beyfalle der gefeyrte Künstler vor. Eine majestätische Introduktien des Orchesters eröffnete mit günstiger Vorbedeutung sein neuestes Concert. Man bemerkte mit wahrem Vergnügen, daß in dieser Composition ntcht Fingervirtuosität, nicht mechanische Bravour, kurz nicht jener stets mehr überhandnehmende Fanfaronadenstyl zur eigentlichen Tendenz geworden, sondern, daß ein ideenreiches kraftbegeistertes Gemüth seine strahlenden Fittige rege, durch einen musterhaft geläuterten Geschmack noch höher geadelt. Der in hobem Ernst gehaltene Charakter des ersten Stückes schmilzt in zweylen in ein zartes phantasienreiches Adagio über, und schließt das letzte in einem raschen mit wunderbarer Lust bewegenden Marschstücke, und man siebt wie treffend und richtig das ganze Concert auf den siegretchen Effekt berechnet wurde. Das Gemüth des Zuhörers wird erst unwillkührlich hinaufgehoben in die höheren Sphären des musikalischen Pathos; entzückt von den Sphärenklängen einer elegischen Wehmuth und endlich süß berauscht und geschwungen von den dithyrambischen Tänzen einer kühnen üppigen Freude. Dies möge beyläufig das Wesen und die Physiognomie dieser seiner genialsten und vollendetsten Composition andeuten, in welcher dennoch, aber nur als Folie, die schwierigsten nur dem tieferen Kennerauge bemerkbaren Figuren wunderbar Verflochten und verschlungen sind, die um desto brillanter ausgeführt wurden, je unbemerkter sie hervortraten. Im Ausdrucke und Seelenspiele hat er nur an Hummel einen ebenbürtigen Rivalen gefunden, was aber Correktheit, brillante Bravour, vorzüglich Rundung und Schattirung des Anschlags betrifft, dürfte er wohl als Solitär unter allen Claviervirtuosen Europa’s glänzen. In den feinsten Nuancen und Modificationen gebt die Farbenscala seines Tons aus dem hellsten Fortissimo in das leiseste Pianistino über. Man muß beynahe den Athem anhalten, um den fast erster benden Ton zu erhaschen, von dessen intensivem umfange wir den  noch kein Infinitesimaltheilchen verlieren. Als Resultat bemerkte man seit seiner Zurückkunft einen bedeutenden, durch klassische Vormuster glücklich geleiteten Fortschritt in der Composition, luxuriöse Prachtverwendung auf die glänzendsten Bravouren, eine zartere legantere Behandlung des Instrumentes, eine edlere, ruhigere Haltung und alles dies war ein reger Impuls den allgemeinen Beyfall enthusiastisch aufzuregen, und drey Mahl wurde der Künstler gerufen.—Eine liebtche Abwechslung war eine Arie aus der Oper: „Semiramis” schön und correkt von Dem. Unger vorgetragen, Dieselbe hat ihr reichhaltiges Talent in der neueren Schule ungemein veredelt, welcher sie vorzüglich die dramatischen Formen des Gesanges abgelauscht zy haben scheint, und wodurch sie bald als heller Stern in den südlichen Opernhimmel glänzen dürfte. Besonders glücklich eignet sich ihre Stimme das italienische Formenspiel an, die sich auch in dieser Arie vorzüglich in den höher n Chorden mit vieler Kraft und Reinheit bewegte. Das Concert wurde mit einer freyen Fantasie beschlossen. Hr. Moscheles begann in einfachen Accordensätzen, kam in ein Gewühl der seltsamsten und kunstreichsten Tonfiguren, und legte sich endlich ein beliebtes Motiv aus der „Gazza ladra“ als Grundidee uster. Dasselbe wurde in den überraschendsten Wendungen und Capricen variirt und fugirt, bis er wieder als zweytes Thema den beliebten Jägerchor aus der Oper „Euryanthe“ wählte. Dieses Glanzstück schien den Meister zu noch edleren Gedanken zu erheben, bis er endlich in einem musterhaft gerundeten Gusse beyde Terte aufs herrlichste verschmelzend in einem pompösen Finale endete. Stärker und rauschender als das erste Mahl war der Beyfall, der Concertgeber mußte drey Mahl erscheinen, alle Hände waren in Bewegung, alle Herzen waren entzückt und alles von den Wunsche beseelt, den Künstler recht bald wieder bewundern zu können.                                                                                                 S. S.

Allgemeine musikalische Zeitung mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat (December 3, 1823): 771-774.

Concert.

Im k. k. Hoftheater nächst dem Kärnthner-Thore haben wir nun auch den auf seinen Reisen durch Holland, Frankreich und England berühmt gewordenen Virtuosen auf dem Fortepiano, Herrn Moscheles, gehört.

Da er in Wien seine künstlerische Laufbahn begonnen, und von hier aus seinen ersten grossen Ausflug in die Welt gemacht hat, so war das Wiener Publicum, welches ihn schon für einen Meister auf seinem Instrumente erkannte, ehe er abreiste, um so begieriger ihn nach seiner Abwesenheit wie der spielen zu hören.

Das Theater war desshalb auch mit sehr vielen Kunstfreunden aus allen Schulen—denn im Fortepianospiel haben sich deren in Wien mehrere gebildet, welche um den Vorrang mit einander wetteifern, angefüllt. Ja, man kann dreist behaupten, dass sogar die meisten Individuen aus den drey grossen Hauptzweigen, in welche sich der musikalische Glaube jetzt in Wien getrennt hat, zugegen waren, nähmlich die, welche es ganz allein mit der italienischen Musik halten, die, welche von gar keiner etwas wissen wollen, als von der deutschen, und endlich die, welche das Schöne nehmen, wo sie’s finden, und bey aller Kunst nicht um den Taufschein und landesherrlichen Pass fragen. Alle wollten ihn hören.

Eine Symphonie von Beethoven eröffnete die Academie, und wurde vom Orchester brav executirt. Das Concert von Moscheles zeigte gleich in den ersten Ritornellen, dass der Tonsetzer jetzt die Sache viel ernster nehme, und bey dieser Composition ein wahrhaft schönes musikalisches Tonstück beabsichtigt habe, welches nicht bloss auf glänzenden Effect berechnet, sondern auch durch eine schöne in tensive Ausarbeitung ausgezeichnet seyn solle.

Der Styl ist nobel, die Perioden schön geordnet, und die Farbenmischung durch Harmonie beweist, dass Herr Moscheles sich in dieser Hinsicht auch das Meisterrecht errungen hat. Schön wechseln singende Stellen mit brillanten Passagen, die durch eine geschickte ästhetische Anordnung organisch gut verbunden sind, und dem Gemüthe des Zuhörers durch ihre gute Vorbereitung und Verwebung sich wohlthätig einprägen. Dabey ist das Instrumentale mit Umsicht und Effectkenntniss benutzt, ins Besondere aber das blasende Orchester durch recht interessante Beziehungen gebraucht. Wenn diese Instrumente per imitationen sich angenehm necken, und gleichsam vor einander fliehend verfolgen, dann ist die wahre Aufgabe des Agon musikon auf schöne Art gelöst. So fanden wir’s bey diesem Concert.

Der brillante, reine, kraftvolle und doch auch gefühlvolle Vortrag des Spielers zeigte sich auf das Glänzendste. Sein Anschlag ist so gebildet und seine Kraft dennoch so gemässiget, dass man deutlich sieht, mit welcher Freyheit der ausgezeichnete Künstler sein Element zu beherrschen im Stande ist. Die Passagen wurden von ihm mit einer eminenten Sicherbeit und Kühnheit executirt, und man möchte das schnelle Aufhören mancher Perioden bey ihm ein sehr reitzendes à plomb nennen, in dem er ganz Meister ist. Zartheit und Grazie stehen seiner kräftigen Executirung schön zur Seite. Unter mehreren höchst glänzenden Passagen müssen wir besonders einer erwähnen, gegen das Ende des letzten Allegro’s, wo er das Staccato mit unglaublicher Geschwindigkeit ausführte. Lauter, stürmischer Bey fall, dem die Ehre des Hervorrufens nachfolgte, lohnte den Meister. Er steht als Fortepiano-Spieler auf einer hohen Stufe, und wird diesen Rang behaupten.

Seine Phantasie bewies, dass auch Er die Gegenwart der verschiedenen musikalischen Secten im Theater ahnete. Er phantasirte nähmlich über ein italienisches und über ein deutsches Thema, das letztere von Weber, das erstere von Rossini—mit sehr viel Geschicklichkeit und Erfindungsgeist. Wir nehmen hier nähmlich das Wort Phantasie ganz im strengen Sinne, als eine freye, unvorbereitete Schöpfung des Augenblicks.

Sein kunstreiches Spiel hatte er einem Fortepiano von Leschen anvertraut, welches sich auch in jeder Hinsicht trefflich bewährte. Der Ton war voll und wohlklingend, der Anschlag höchst präcis, die Stimmung fest, und die schöne Stärke gestattete dennoch ein äusserst zartes Piano. Bey den vielen Schulen und Partheyen in der Musik ist es natürlich, dass es auch Partheyen in Beziehung auf die Instrumente gibt, und dass da oft verschiedene Anschien aus verschiedenen Rücksichten entspringen Es bleibt aber unbestreitbar, dass die Instrumente von Leschen in Wien seit einigen Jahren an ihrer inneren Vollkommenheit—denn das ist ja die Hauptsache, wenn gleich manche Wiener Clavier-Instrumente nur wegen der Schönheit des äusseren Kastens zu betrachten sind—und Solidität sehr gewonnen haben. Sie gehören zu den besten, welche in Wien erzeugt werden. Überhaupt ist es erstaunenswürdig, wie weit der Kunstfleiss es hierin in Wien gebracht hat. Der Verfasser hörte unlängst ein Hummel’sches Concert auf einem aufrechtstehen den Fortepiano von Wachtel in Wien vortragen, dessen schöne Wirkung im Tone und der Behandlung, in Vergleich zu einem Flügel, nichts zu wünschen übrig liess. Diess nähmliche Concert wurde der interessanten Vergleichung wegen später auf einem Flügel von Seidler vorgetragen, und die überraschende Wirkung, welche beyde in ihrer Art ganz verschieden, machten, erregte die Achtung des Zuhörers vor dem in Wien in diesem Zweige herrschenden Kunstfleisse. Seidler ist ein junger Meister, der durch seine schöne und solide Arbeit vor vielen seines Gleichen sich auszeichnet. Diess wurde beyläufig berührt, weil eben bey dem Spiele des Herrn Moscheles auf dem Instrumente von Leschen vielfältige Vergleichungen in einem Gegenstande angestellt wurden, der zu dem Kunstreichthume Wiens gehört, und nothwendig zu Streitfragen Veranlassung geben muss. Schön ist die Nacheiferung und Anstrengung so geschickter Meister in diesem Fache, welche Wien allein unter allen Städten auf zuweisen hat.

Dlle. Unger sang bey dieser Academie eine italienische Arie mit Kunstaufwand und Beyfall.

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt (December 4, 1823): 580.

Concert.

Herr Moscheles ließ sich bereits öffentlich im k. k. Hoftheater nächst dem Kärnthnerthor auf dem Fortepiano hören. Wenn es gleich bey manchen Künstlern und Virtuosen einerley ist, ob sie vor ihrer Abreise oder nach ihrer Zurückkunst sich hören lassen, so ist es doch bei einem jungen Manne von so ausgezeichnestem Talente, so kräftigem Streben und wirklichem Unternehmungsgeiste als Hr. Moscheles gar nicht gleichgültig, wenn diese Bestimmung beygefügt ist.

Allerdings hörten wir ihn vor seiner Abreise und nach seiner Zurückkunst, und wir hörten ihn jedes Mahl anders spielen. Wenn damahls an seinem Spiele eine gewisse brausende Kühnheit mit großer Fertigkeit und Leichtigkeit in brillanten Passagen gelobt wurde, so können wir jetzt ganz unparteyisch behaupten, daß er mehr Ruhe, Feinheit und Zierlichkeit besitze. Auch Moscheles raffte sonst feine Zwey- und Dreyßigtheil-Passagen, besonders die chromatischen, oder die Octavengänge gern heraus bey aufgehobener Dämspfung, und suchte doch darin öfter einen gesteigerten Effect, als wir es gerade wünschten, und diese Mittel find es, welche eigentlich den großen Haufen aus feinem bleyernen Phlegma bringen und in einige Transpiration des Kunstfeuers fetzen können.

Jetzt bemerken wir ohne Widerrede noch mehr Nettigkeit und Zartheit des Spiels, und feine Passagen, welche er im Piano vorträgt, zeichnen sich durch ihre Rundung und eine besondere Reinheit vor denen vieler anderer Virtuosen aus. Sein Concert in E ist in jeder Hinsicht ein schönes Tonstück zu nennen, und sehr reich an harmonischen, interessanten Parthien, doch glauben wir, daß es eigentlich mehr für einen gewählten Zirkel, als für ein großes Theater geeignet sey, denn die feiner ausgearbeiteten Nuancen, welche oft im blasenden Orchester liegen, gewähren dem Kenner nur das intensive Vergnügen, was dem großen Publicum ganz unbekannt bleibt.

In seinem Allegro zeigte der Spieler viel Feuer und ausdrucks volles Gefühl in feinem Adagio.

Sehr klug ist die große Passage gegen das Ende angebracht, in welcher das schnellste Staccato so effectvoll eingewebt ist. Die Wirkung ist neu und auffallend. Nach Abgang von der Buhne wurde Hr. Moscheles wieder hervorgerufen, und mit großem Applaus entlassen.

Hierauf sang Dlle. Unger eine Arie mit einer ganz besonderen Sicherheit, und führte die Passagen größten Theils sehr hübsch aus. Nur einige hohe Stellen mußten ihrer Anstrengung bedürfen.

Die Phantasie, welche Hr. Moscheles am Schlusse spielte, bewies, daß derselbe die Neigung beyder Parteyen in der Musik, nähmlich der italienischen und teutschen zugleich zu befriedigen beabsichtigte, denn er webte ein Thema von Rossini und eines von Weber ein. Zum letzteren wählte er den Jägerchor aus der Euryanthe, und spielte darüber recht angenehme und doch ziemlich kunstvoll ausgeführte Variationen, in denen er seine Gewandtheit und Fertigkeit sowohl als seinen Geschmack laut beurkundete.

Er spielte auf einem sehr wohlklingenden Fortepiano von Löschen in Wien, welch allen feinen Künstlercapricen den freundlichsten und promptesten Dienst leistete, und die größte Feinheit des Ausdrucks gestattete.

Er wurde mit großen Beyfall entlassen und vom entzückten publicum hervorgerufen. Wir erwarten mehrere Productionen von diesem Künstler.

Allgemeine musikalische Zeitung (December 24, 1823): 865-866.

[Wien, November] Am22sten, im Kärnthnerthor-Theater, liess sich zum erstenmal, vor einem Ballete, Hr. Moscheles hören: er trug sein neuestes Concert in E dur, und eine freye Phantasie in höchster Reinheit, Eleganz und Kunstfertigkeit vor, und es herrschte nur eine Stimme, dass er an Correctheit und Solidität des Spielssich bedeutend vervollkommnet habe. Die Composition ist ausgezeichnet und meisterlich gearbeitet.

Wiener allgemeine musikalische Zeitung, mit besonderer Rücksicht auf den österreichischen Kaiserstaat (March 6, 1824): 9-11.

Wiener-Neuigkeiten.

Moscheles trat nach langer Abwesenheit, zum ersten Mahle wieder im Theater nächst dem Kärnthnerchore, als Compositeur und Klavierspieler auf. Seine Fortschritte im Tonsatz, und die reifere Gediegenheit seines Styls beurkundete er sattsam vor der auserwählten Zahl der Kenner, doch wollte das große Publikum immer noch nicht in den Beifalssturm gerathen, mit welchem es sein ganz frühes, aber sehr brillantes Bravour-Stück, die Alexandervariationen, die ihm eigentlich seinen ersten Namen gaben, ausgenommen hatte. Sein Virtuosentalent wurde von der Menge in weit höherem Grade anerkannt, und seine Präcision, Leichtigkeit und Grazie des Spiels, besonders aber sein oft furieuses Tempo mit großem, allgemeinen Applaus beehrt.

Moscheles spielte mehrere Mahle im Kärnthnerthor-Theater, und füllte, das Haus mit Zuhörern aus allen Ständen. Seine Compositionen waren von tieferem in Inhalt als seine früheren Arbeiten, interessirten den Kenner durch besondere harmonische Schönheiten, und nicht selten durch eine glänzende Instrumentirung, und sein Spiel trat immer auf eine höchst brillante Art daraus hervor. Wie gesagt, auf die große Menge machte jedoch sein Vortrag größeren Effect als seine Compositionen. Im Grunde kann ja diese auch nur durch zweierlei Tactarten sicher ergriffen werden, wenn man nehmlich den Tonkinn in den Füßen sucht, und diese entweder in Marsch setzt, oder in den Dreivierteltact wiegt.

Die außerordentliche Sicherheit seines Anschlags, die Nettigkeit und seine Ausarbeitung seiner Figuren, die  Sprungfederkraft in seinen Trillerketten, die gute Bildung des Tons—er spielte jedesmal auf einem Fortepiano  von Leschen, nur einmal phantasirte er auf einem englischen ­ Instrumente, aber mit wenigem Glück—der schöne Wechsel seines Piano und Forte, und die flüchtige Schnellkraft seiner beiden gleich gebildeten Hände im rapiden Tempo, dieß sind Vorzüge, welche ihm stets unter den ersten Meistern im Fortepiano-Spiel seinen Rang  sichern werden.

Er gab uns einige freie Phantasien, in denen er geichsam ein kleines musikalisches Panorama von den jetzt florirenden Allerwelt-Melodien Aller Schulen aufstellte, zugleich brachte er das jedem Österreicher theuere Volks Volkslied ­ „Gott erhalte Franz den Kaiser“ auf eine sinnige Weise in seinen Ideengang.

Der Beifall muchs mit seinem öfteren Auftreten, und er hatte gewöhnlich die ehrenvolle Mühe, nach dem Abtreten noch einmal vor dem applaudirenden Publikum zu erscheinen. Unter denen, welche in solchen Akademien neben ihm mit gleichem Ruhme sich hören ließen, verdient der Wiener Paganini, unser trefflicher Mayseder ganz besondere Erwähnung. Er riß alle Herzen durch sein Meisterspiel auf der Violine dahin, und der Beifall, der bei Moscheles laut war, wurde zu einem brausenden Sturme, in dem der froheste Enthusiasmus sich unaufhaltsam aussprach. Minerva warf des üblen Anstandeshalber die Flöte weg, wenn sie aber Mayseder auf der Geige gehört ­hätte, wer weiß, ob sie nicht ihr ernstes Kinn auf das Ledernholz gedrückt, und den Dogen ergriffen hätte.

Moscheles wollte bald wieder nach England, um die Gewalt der Mutationen wieder auf John Bull spielen zu lassen, deßhalb beschleunigte er seine Concerte, und doch immer im nehmlichen Theater noch einige Mahle unter der auf der Annonce stehenden Drohung: „zum letzten Mahle“ den Wienern noch einen harmonischen harmonischen Schmauß.

Er machte in Wien gute Geschäfte, und erneuerte das Andenken in den Herzen seiner Landsleute. Seine Stellung in London läßt erwarten, daß er sich durch seine Virtuosität ein schönes sorgenfreies Loos bereitet, und daß sein Glück noch manchen Zuwachs erhalten werde.

Doch gibt es nicht leicht einen Virtuosen, der jeden Tastenanschlag mit so berechneter Umsicht zum Capital, und wieder zu den Interessen zu schlagen versteht, als Moscheles. Ihm ist Glück zu wünschen, denn energische Anstrengungen verdienen wirklichen Lohn, besonders aber erringen ­sie ihn in einem Kunstzweige, deßen glückliche Ausübung­ beim Zuhören selbst den fühllosesten Materialisten glauben macht, er besitze so viel Zartheit des Gefühls als jener — der Spielende — Zartheit des Ausdrucks.

Mit Recht verdienen auch die Virtuosen, daß das Schicksal ihnen noch bei Lebzeiten einige vergoldete Lorbern spendet, denn ihr schönes Streben, ihr muthiges Kämpfen, ihr unermüdetes Ringen—nach Präcision, nach Fertigkeit, nach Schnellkraft, nach Leichtigkeit, nach Agilität, ­nach Bravour und—Grazie xc.: sinkt leider dahin mit ihrer sterblichen Hülle, und läßt keinen Laut nach, weil immer wieder ein neuer Furioso auf des Verblichenen ­Schultern steigt. Wer zaubert uns die reizenden Töne noch vor unser Ohr, wenn der Arm oder die Lungenkraft des Meisters vom Tode gelähmt ist? Unsre Phantasie ist zu schwach, und zu reizbar für neue Erscheinungen Moscheles scheint auch, trotz seines fest im Auge gehaltenen Zieles, ­doch ernstlich die schwache Seite der Sterblichkeit, welche jedem auf Ausübung beschränkten Virtuosentalente bevorsteht, zu fühlen, und sucht deshalb durch ernstes Fortschreiten im Gebiethe der musikalischen Schöpfung der Nachwelt ­in gediegenen Werken ein bleibendes Andenken zu hin blassen, und eben dieser ernsten und ununterbrochenen Kraftanstrengung wegen verdient er unsre aufrichtige Anerkennung als ein wackerer Künstler.

Man hat ihn von München aus in öffentlichen Blättern, ­wegen eines Zusatzarrikels zu seiner Charte, mit welchem er sein Concert durch die Worte, „nach seiner  Zurückkunst von London und Paris“ verstärkend ­ankündigte, hart mitgenommen, aber aufrichtig gesprochen: C’est tout, comme chez nous!—

In unsrer Zeit heben die angehenden Musikkünstler schon die ersten Pfennige, welche sie für ihr Opus Nr. 1, von einem barmherzigen Musikverleger heraus drucken, sorgfältig auf, um die Kupferstecher-Kosten für  ihr herauszugebendes Portrait sobald als möglich zu bestreiten, ­um doch wenigstens in der musikalischen Welt dadurch Aufsehen zu machen, daß sie in Kupfer gestochen wurden.

In der That, wenn es so viel Akademien geben müßte, als es Profeßoren in allen Branchen der Musik gibt, die Welt würde nicht Raum dazu haben. Es dürfte aber nur einmal ein mit der italienischen Sprache Vertrauter ­ den Schleier lüften, mit welchem feit einiger Zeit der in Italien übliche und nach Deutschland transponirte Ausdruck „Professore di musica” bedeckt war, und sagen, daß die Italiener Ließ in einem weit bescheidneren Sinne, nehmlich ganz im Sinne einer Profeßion, eines Handwerks verstehen, und es würden bald mehrere Vacanzen in solchen sich selbst ertheilten Professur-Denominationen entstehen. Wir tadeln hiermit gar nicht die, welche mit Recht und in ihrer Pflicht diesen Titel führen. Vom Mißbrauch ist die Rede. Zu verwundern ist immer, daß noch kein musikalischer Cromwell ausstand, und sich aus eigener Macht d. h. so ganz allmählig, per praescriptionem regulärem, oder irregulärem, den Doktorhut aufsetze.

Warum hat das edle Erfurt, das doch in der Welt Weltweisheit ­ schon so manches Auge zudrückte, und die Zahl der Philosophen auf unserer Erdkugel in infinitum vermehrte, nicht auch schon lange hierin einen delphischen Dreifuß errichtet, von dem aus jeder Unbefangene für dreißig Thaler erfahren kann, daß er die Musik wie ein Doktor inne habe, so wie man erfährt, daß man die Weltweisheit aus dem Fundamente verstehe, weil man zu ihrem Doktor creirt ist. Dies beiläufig, aber bei der ersten Nachricht ­ von einem Profeßor der Balgentrekerkunst ein Mehreres.

Während Moscheles abreisen wollte, kam Kalkbrenner, oder—während Kalkbrenner kam, reiste Moscheles ab. Gleichviel! denn zwei solche Sterne können an einem und demselben Horizonte nicht neben einander stehn! Moscheles reiste nach Prag ab, um dort sich hören zu laßen, wurde aber von einer schweren Krankheit über überfallen. ­

Kalkbrenner trat nur einmal öffentlich, und zwar ebenfalls mit ungeheurem Beifalle—als Virtuos auf. Die Ursache seiner schnellen Abreise war die Krankheit von Moscheles, denn beide waren für die Concerte in London engagirt, und da Moscheles nun nicht erscheinen konnte, so mußte Wien mit Bedauern den großen Virtuosen abreisen sehen, im Augenblicke als sein Spiel aller Aufmerksamkeit erregt hatte.

Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz (January 16, 1824): 44.

Der berühmte Clavierspieler Moscheles, welcher in Paris und London neulich Ehre und Geld so reichlich erworben, gab drei musikalische Akademieen bei stets vollen Häusern und mit ungetheiltem Beifall. An Präcision, Nettigkeit, Kühnheit und Glanz des Spiels wird nicht leicht einer der Lebenden ihn übertreffen; mir aber sey es erlaubt, was Ausdruck, Gemüth und Phantasie betrifft, Hummel für weit bedeutender zu halten, wenn er Jenem auch an obenberührten Eigenschaften weit nachsteht. Beide können und werden sehr gut neben einander bestehen und Jeder für einen vorzüglichen Künstler überall angesehen werden.

…Redakteur und Herausgeber: F. W. Gubit.

1 November 1823

Musical Evening

Vienna: [Tobias Haslinger Residence]

Time: Evening

Programme  

Piano PieceMr. Moscheles  
Violin PieceMr. Mayseder  
Principal Instrumentalists: Messrs. Mayseder, Moscheles

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Letter: Carl Maria von Weber to Caroline von Weber

[Wien, 1 November 1823]

…. Abends war Quartett bei Haßlinger, wo Moscheles und Mayseder vortrefflich spielten.

[Staatsbibliothek zu Berlin—Preußischer Kulturbesitz (D-B): Weberiana Cl. V (Mappe XVIII), Abt. 4 A, Nr. 13 A.]